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04. September 2021

Thomas Meier - Ein Sommerinterview

Das OL-National­team erreichte Anfang Juli bei der OL-Weltmeister­schaft in Tschechien ein hervorragendes Gesamtergebnis. In den Einzelläufen (elf Platzierungen unter den Top-40) und in der Staffel (Damen: Pl. 12; Herren Pl. 8) konnte das beste Resultat bei einer OL-Weltmeisterschaft in den letzten Jahren erzielt werden. Damit erreichte Deutschland erstmals seit 2005 wieder die Qualifikation für „The World Games 2022“ (Birmingham, Alabama), das größte Sportereignis für alle nichtolympischen Sportarten.
Wesentlichen Anteil an der Leistungsentwicklung hat der Chef-Bundestrainer Thomas Meier (Chrafti). Der DOSV gratuliert ihm und dem Nationalteam ganz herzlich zu diesem herausragenden Ergebnis. Dies war Anlass, ihn im Urlaub zu stören und mit ihm auch über die Entwicklung des Nationalteams und des Orientierungslaufes in Deutschland zu sprechen:

DOSV: Hallo Chrafti … alle OLer kennen dich nur unter „Chrafti“. Wie kommst du eigentlich zu diesem Spitzname?

Chrafti: Ja, das kommt schon von der Kindheit her. Mein Stil damals OL zu laufen hatte viel mit „Kraftmeierei“ zu tun (Anm. d. R.: schweiz. „Chraftmeierei“) . Mein Motto damals: „Denken beim OL wird massiv überschätzt.“

DOSV: Du bist Schweizer. Deine Trainer-Karriere in Deutschland begann 2015 mit der Übernahme des Junioren-Teams. Wie kam es dazu und wann hast du die Erwachsenen übernommen?

Chrafti: Ja, im Sommer 2014 begann das schon. Nach der Junioren-WM 2014 habe ich bereits den JEC (Junior European Cup) in Belgien mit betreut.
Weit vor 2014 hatte ich als Regionaltrainer in der Region Basel mit Hanna Müller eine Athletin, die in Basel lebte, aber nur den Deutschen Pass hatte. Damals habe ich Kontakt aufgenommen zu den deutschen Trainern, also Jan Birnstock. Hanna hätte sich damals problemlos für das Schweizer Team qualifiziert, durfte aber als Deutsche nicht starten. Das ist natürlich bitter für ein 14-jähriges Mädchen. So konnte Hanna dann von 2011 bis 2012 für Deutschland starten. Zu einem Sichtungslauf des Deutschen Junioren Teams im Raum Dresden habe ich Hanna begleitet. Dort hat sie sich für die EYOC qualifiziert, es gab aber keine Betreuer für diese Maßnahme. So habe ich mich bereit erklärt, gemeinsam mit Thoto (Thomas Rewig) die Betreuung des Teams bei der EYOC zu übernehmen. Und als 2014 mein Engagement in Basel auslief und das Deutsche Team einen Trainer gesucht hat, habe ich mich gemeldet.

Die Übernahme des Erwachsenen-Teams war ein fließender Übergang. Wir haben ohnehin schon gewisse Maßnahmen zusammen gemacht. Das erste Trainingslager, was ich 2015 organisiert habe, war schon mit dem Elitekader zusammen. Wettkampfmaßnahmen im Elitebereich habe ich ab 2018 betreut. Das war eine schwierige Zeit, denn es gab zeitweise keinen Erwachsenen-Trainer und auch keine Trainerratsvorsitzende.

DOSV: Welchen Eindruck hattest du damals vom deutschen Team im Vergleich zu der OL-Spitzennation Schweiz, auch in Bezug auf die Fitness und die Trainingsbedingungen der Athleten?

Chrafti: Ja, keinen sehr guten. Nein, es gab Talente, die ich auch schon gekannt hatte bei den Jungs. 2012 habe ich ein Trainingslager mit den Baslern in Belgien gemacht. Da kam die Anfrage, dass eine kleine Gruppe Deutscher Interesse hätte, mitzutrainieren. Das waren dann Nina (Döllgast) und der Saarlandkader mit Moritz (Döllgast) und auch Erik (Döhler). Da wurde der Unterschied schon klar. Es gab Talente, aber mit miserablen Trainingsbedingungen. Nicht zu wissen, was trainieren heißt, ist vielleicht das größte Problem. Es gibt vor allem bei den Mädchen Talente, die dominieren in Deutschland und sind als 15/16-jährige sogar international erfolgreich. In diesem Alter bist du mit Talent effektiv dabei, weil auch die Skandinavier in diesem Bereich fehlen. Die laufen die Jugend-EM erst mit den 17/18-jährigen. Es bleiben dann nicht mehr viele Nationen übrig, die in diesem Alter strukturiert trainieren und fördern.

DOSV: Diese fehlende Förderung siehst du beginnend auf Landesebene bis hin zur Bundesebene oder auch bezogen auf das Training jedes einzelnen in den Heimatvereinen?

Chrafti: Ja, es ist beides. Der eine Punkt ist: Talente nimmst du relativ weit mit. Das beginnt schon mit der Bezeichnung „Kader“. Ich kämpfe immer ein bisschen mit der Bezeichnung „Kader“ in Deutschland. Was z.B. der Sachsenkader macht, ist sehr wertvolle Arbeit, das möchte ich überhaupt nicht schmälern. Jeder, der sich dort engagiert, ist mit Herzblut dabei und liefert super Arbeit ab. Aber das Ziel eines 12/13-jährigen im Kader ist ein ganz anderes. Nach allgemeiner Definition z.B. vom DOSB für Nachwuchsstrukturen heiß es sinngemäß: „In einen Landeskader kommst du dann, wenn du eine mehrjährige Erfahrung im leistungsorientierten Training hast“. Das kann ein 12/13-jähriger gar nicht haben. Die Vereine sind zu klein, die Arbeit muss in den Landeskadern gemacht werden, das ist in der Schweiz genau so. Wobei dort die Leute älter sind, in der Regel fangen wir mit den 15-jährigen an mit der Kaderförderung. Davor liegt es wirklich im Verein.

DOSV: Liegt es an der geringen Zahl an jungen talentierten OLerInnen, dass die Nominierungshürde für Landeskader so niedrig ist und somit später Athleten im Kader verbleiben, die weniger leistungsorientiert trainieren?

Chrafti: Ja, unbedingt muss aber auch diesen Läufern ein Angebot gemacht werden. Denn das sind die, die zukünftig unsere Wettkämpfe organisieren und Karten aufnehmen und später ihre Kinder zum OL bringen. Ich selber mache seit 30 Jahren Trainertätigkeit und habe Leuten OL beigebracht, die ich dann jahrelang nicht gesehen habe, und die treffe ich jetzt wieder mit ihren Kindern im Wald.

DOSV: Du hast dann deine „Schäfchen“ aus dem Juniorenbereich in den Erwachsenenkader mitgenommen und eine starke Leistungsentwicklung geschafft. Das zeigen die sehr guten Ergebnisse der WOC in diesem Jahr, wozu wir dich und die Athleten herzlich beglückwünschen. Beobachtest du bei den Athleten eine individuelle Leistungsentwicklung oder ist es der besondere Teamgeist, der die Athleten motiviert?

Chrafti: Das ist schwierig zu sagen, da ich die älteren Athleten von vor 5 Jahren schlichtweg nicht kenne. Also ich kenne sie schon, weiß aber nicht, wie sie leistungsorientiert trainiert haben. Da kann ich mir kein Urteil erlauben. Ganz allgemein ist mir aufgefallen, auch bei den ganz jungen, wie tief der Stellenwert des Leitungssportes liegt: Schule, Ausbildung, Studium und schnell von den Eltern unabhängig sein. Ein Leistungssportler muss ein elender Egoist sein. Nicht, dass er alles alleine machen will, sondern dass er alle Ressourcen, die ihm zur Verfügung stehen, für sich nutzt. Das ist ganz egoistisch und brutal, aber als Leistungssportler muss ich Leute dazu bewegen, dass sie mir mein Hobby bezahlen.

DOSV: Das ist sicher ein generelles Problem, dass kein Geld für die Förderung da ist und auch keine Arbeitsstellen, z.B. bei der Bundeswehr für Spitzensport im OL, wie das teilweise bei olympischen Sportarten möglich ist.

Chrafti: Sportler, die in der Schweiz in den Genuss einer Förderung durch die Armee kommen, und das sind nicht wenige im OL, machen eine kurze Einführung in der Rekrutenschule und haben dann quasi nur noch Trainingslager, auch im Ausland. Und das ist natürlich perfekt. Aber das Niveau! Für so einen Platz braucht es in der Regel Medaillen bei der Junioren-WM. All diese Vorteile gibt es auch in Deutschland, im Biathlon zum Beispiel. Auf diesem Niveau sind unsere Leute gar nicht. Klar, OL ist nicht olympisch, das wird weniger gefördert, aber es gibt auch ganz klar leistungsmäßige Gründe, warum diese Förderung für den OL in Deutschland nicht in Frage kommt.

DOSV: Du siehst im Vergleich der Erwachsenen- oder auch Juniorenkader aus Deutschland und der Schweiz schon einen Unterschied im Trainingsumfang, wie Wochen- oder Monatskilometer und Steuerung der Trainingsintensitäten?

Chrafti: Es sind vor allem die Trainingstage. Was mir in Deutschland immer wieder auffällt, ist, wie oft immer wieder das Training ausgesetzt wird. Also ich hatte immer das Gefühl, und habe es immer noch, meine Leute in Deutschland sind viel kranker als in der Schweiz. Sind sie natürlich nicht! Aber ich merke es auch immer wieder, wie da Wert darauf gelegt wird: Oh, du hast ein Infekt, also Trainingspause. Lehrbuchmäßig ist das natürlich korrekt! Aber es führt nicht zum Ziel. Wir sind draußen, trainieren unter Schlechtwetterbedingungen und haben nicht immer die idealen Umstände. Wenn es am Ende mehr Trainingstage sind und die Unterbrechungen fehlen, dass du gezielt arbeiten kannst, wird es einfach mehr. Was auch noch dazu kommt, ist, dass die Leute in Deutschland immer wieder in ein Motivationsloch fallen. Aber du bist eben in Deutschland viel zu oft auf dich allein gestellt.

DOSV: Du konntest aber schon in den letzten Jahren feststellen, dass gerade von den Athleten, die jetzt bei der WM gestartet sind, umfänglicher und motivierter trainiert wurde?

Chrafti: Ja, auf jeden Fall! Einige LäuferInnen sind schon früher im Erwachsenenbereich erfolgreich gewesen. Vor allem mit den 97/98er Jahrgängen haben wir bei den Junioren das Team geformt und wollten da was reißen. Und diesen Teamspirit, den haben wir jetzt bei den letzten zwei Wald-WMs auch in der Elite gesehen.

DOSV: Das Team ist, wie bei der WM gesehen, leistungsstark. Wie kann es aus deiner Sicht weitergehen, was kann die Zukunft bringen?

Chrafti: Im Moment sind wir nach wie vor darauf angewiesen, dass die Leute viel Eigeninitiative zeigen. Das heißt, dass sie das, was sie jetzt schon machen, weiterführen und dorthin gehen, wo der OL stattfindet. Unterm Strich heißt das nichts anderes als auswandern, was ja schon einige gemacht haben. Für diejenigen, die in Deutschland leben, wird es sicher schwieriger, sich noch weiter zu steigern.

DOSV: Hängt das an den Wäldern und OL-Geländen in Deutschland oder eher an den kleinen Trainingsgruppen und fehlenden Trainingspartnern auf höchstem Niveau?

Chrafti: Ja, die Trainingsumgebung in den deutschen Vereinen ist schwierig. Und, was du mit einer Stunde Autofahrt am Wochenende in Schweden oder der Schweiz an Wettkämpfen mit 400-600 Teilnehmern hast, ist in Deutschland nicht erreichbar. Das sind ganz andere Voraussetzungen. Die deutschen Athleten in z.B. Schweden haben mit ihren Vereinen und den Trainingspartnern vor Ort bessere Bedingungen. Es geht weiter mit dem Problem der Waldnutzung oder auch aktuelle Karten in Deutschland. Ja, im Moment ist mir kein Ort in Deutschland bekannt, wo ich mit dem Elitekader ein einwöchiges Trainingslager machen könnte. Klar, ich könnte zweimal die Unterkunft wechseln, einfach um unterschiedliche Karten und Gelände benutzen zu können. Im individuellen Training machst du das nicht und im Landeskader musst du dann Kompromisse eingehen. Wenn du abwechslungsreich und auf verschiedenen Karten trainieren möchtest, wird das eine Riesenfahrerei.

In der WM-Vorbereitung kannst du diese Wege auf dich nehmen, weil es für spezifisches Geländetraining nötig ist. Aber für ein normales Trainingslager lohnt sich das nicht. In der Elite sind die Ansprüche auch noch mal etwas anders. Im Nachwuchsbereich fährst du früh zum ersten Training, machst dort Picknick und dann nach 2 Stunden das zweite Training, kommst zurück und dann spielen noch alle Fußball oder Tischtennis oder so. Aber in der Elite möchte ich sechs Stunden Pause und Erholung zwischen den Trainings, oder den Trainingsstarts.

DOSV: Du siehst also in Deutschland ein Problem in der OL-Infrastruktur? Gibt es zu wenige Leute, die Karten aufnehmen und zu wenige interessante Gelände?

Chrafti: Ja, das Problem ist hausgemacht. Wir haben zu wenige Bundesveranstaltungen, wo vielleicht auch ein größerer Aufwand für die Kartenaufnahme betrieben wird. Dann ist man noch fast stolz darauf, wenn man das zweimal auf derselben A4 Karte hinbekommt. Es ist natürlich nicht jeder Ausrichter so. Ich habe in meiner Zeit jetzt bei den Veranstaltungen erlebt, dass das Laufgebiet am Samstag und Sonntag mindestens weit überlappend war. Vor allem in diesen Waldtypen ist A4 bei 1:10 000 nicht ausreichend. Da trainierst du im Trainingslager einmal drauf, maximal zweimal. Dann hast du gerade mal einen Tag abgedeckt. Das sind die Diskussionen, die stattfinden. Oder sogar Wettkampfordnungen, die empfehlen, die Karte soll A4 sein. Zum Teil wird behauptet, Sprint auf einer A3 Karte wäre nicht vorstellbar. Da habe ich mal meine Karten vom Sprint von der Schweiz rausgenommen. Und ich habe keine gefunden von einer nationalen Veranstaltung, die nicht A3 war in den letzten Jahren. Gut, wir sind auch gezwungen, die Leute auseinanderzunehmen bei den größeren Starterfeldern. Da ist eben eine Amateurhaltung, die uns immer wieder einholt.

DOSV: Richtig, aber am Ende ist das eben wieder eine Frage des Geldes in den Vereinen, die die Karten erstellen müssen.

Chrafti: Eben, auch das ist immer wieder ein Thema, das wir im Elitekader diskutieren: Startgeld! Wenn in der Schweiz allein die Abgaben für den Verband, die ich habe, höher sind, als in Deutschland das gesamte Startgeld (inklusive Verbandsabgabe), dann muss ich mich nicht beklagen, dass ich kein Geld habe. Das hätten wir in der Schweiz dann auch nicht, wenn wir diesen Ansatz hätten.

DOSV: Wie siehst du deine Aufgabe in den nächsten Jahren in der Betreuung des Nationalteams und was würdest du dir vom Verband an Unterstützung wünschen?

Chrafti: Was ich beitragen kann: Nächstes Jahr haben wir eine Sprint-WM. Wenn es nicht gerade in irgendwelchen portugiesischen oder italienischen Gebirgsdörfern ist, kannst du das fast überall trainieren. Gut, die Sprint-WM dieses Jahr war auch speziell. Das konnten dadurch auch fast alle nur auf dem Papier trainieren. Und die Quali von uns war ja sehr gut und im Finale, denke ich, ist einfach das physische das Leistungsbegrenzende und nicht das Technische. Physisch müssen wir ganz klar sehen, eine Maja Alm (dänische Läuferin) läuft schneller als alle unsere Männer. Es ist die schnellste Frau im OL aber es gibt dann einige, die sind nicht so viel langsamer. Also die schnellsten Frauen international, die laufen auf dem Niveau unserer Männer.

Das ist Training! Das Lauftraining und das ist auch das Krafttraining. Ich denke, die meisten Athleten, die wir im deutschen Kader haben, die haben noch nie regelmäßig eine Hantelstange getragen. Ich kann Wege aufzeigen, motivieren und gute Maßnahmen organisieren. Die Arbeit bleibt aber individuell.

DOSV: Nimmst du eigentlich auf das individuelle Training der Athleten Einfluss? Also auf die Trainingssteuerung?

Chrafti: Bis jetzt wenig. Wir wollen schauen, was wir da justieren können die nächsten 1-2 Jahre. Bis jetzt war schlicht auch die Zeit nicht da. Die Trainingsplanung für unsere vielen Athleten zu machen, wäre für mich nicht möglich. Das wäre schon deutlich mehr als ein 100%-Job, ohne die Maßnahmen wie Trainingslager und Wettkämpfe. Klar, du kannst Einfluss nehmen, du kannst reinquatschen. Aber da habe ich mich bis jetzt, auch bei den Junioren, bewusst rausgehalten. Ich habe immer wieder meine Ansichten eingebracht, auch bei Trainerfortbildungen, und Links weitergegeben. Und da ist schon was daraus geworden. Oder, dass man im Trainingslager neue Trainingsformen vorstellt und sagt, warum und wie die gut wären. Aber das ist eben schwierig, weil wir zum Teil eben auch im Elitekader nicht nur Leistungssportler haben, sondern OL-Läufer. Die wollen gerne OL laufen und engagieren sich eher für ein OL-Entwicklungsprojekt, als dass sie diese Zeit im Kraftraum an den Geräten verbringen.

DOSV: Doch noch mal zurück zum Verband. Wie könntest du dir vom DOSV oder DTB Unterstützung für den OL-Spitzensport vorstellen?

Chrafti: In den letzten Jahren hat die Unterstützung durch das Bundesministerium über den DOSB und DTB kontinuierlich zugenommen. Wie es jetzt aussieht, können wir auch in der Trainerfinanzierung einen Sprung machen, damit wir in Teilzeitstellen vernünftig entschädigt werden. Da lässt sich aber eben auch nicht viel mehr machen. Ich habe mir mal die Zeiten notiert zwischen April, dem WM-Vorbereitungstrainingslager, und der WM im Juli. Die Arbeitsbelastung hat ziemlich genau einem 100%-Job entsprochen. Dadurch, dass ich in meinem Job günstige Bedingungen und viele Überstunden angesammelt habe, kann ich im nächsten Jahr weiterhin im OL so arbeiten, dass es übers Jahr verteilt einem 50%-Job entspricht, denke ich. Was dann fehlt sind aber die Garantien. Es will keiner seinen Job aufgeben oder reduzieren für eine 50%-Stelle, wenn er nicht weiß, ob es im folgenden Jahr überhaupt weiter geht. Und das haben wir im Moment nicht. Man müsste jetzt mit der Planung für das nächste Jahr loslegen und eine Stelle ausschreiben.

Aber ausschreiben können wir sie nicht, weil wir vielleicht erst im Dezember erfahren, ob es überhaupt klappt. Da fehlt eben die Planbarkeit. Das, was wir von den Athleten verlangen, muss eben auch im Umfeld sein. Immerhin bekommen wir das Geld für die Maßnahmen relativ problemlos, natürlich nicht in dem Umfang, wie z.B. in der Schweiz. Aber auch die Schweiz zahlt für einen schwachen Athleten im Kader nicht mehr, als die Elitekader in Deutschland unterstützt werden. Ein schwacher Schweizer Athlet zahlt quasi fast dasselbe aus eigener Tasche, wie ein Deutscher Kader. Die Schweizer Kader zahlen nicht pro Maßnahme, sondern einen Jahresbetrag. Und wenn man sich dann nicht für internationale Wettkämpfe qualifiziert, dann hat man Pech gehabt.

Die A-Kader zahlen weniger als die B-Kader und dann gibt es noch Erfolgsprämien. Wenn du Weltcuppunkte holst oder Medaillen, bekommst du Geld zurück. Also ein Matthias Kyburz erhält am Ende mehr Geld zurück, als er am Jahresanfang einbezahlt. Die B-Kader zum Beispiel zahlen im Januar 3000 Franken ein und erhalten nichts zurück, wenn sie sich nicht qualifizieren für Wettkämpfe. Es gibt auch dort nicht mehr Trainingslager als bei uns in Deutschland für den Nationalkader. Vielleicht ein paar Wochenend-Meetings dazu, die im deutschen Kader wegen der Entfernungen nicht durchführbar sind.

Mein Wunsch wäre generell, die Strukturen wieder hoch zu kriegen. Wir brauchen mehr Wettkämpfe auf Bundesebene. Wir müssten diese Wettkämpfe, mehrere im Jahr, als World-Ranking-Events durchführen. Im Moment ist es so, dass wir nur 4 Startplätze im Weltcup haben und eigentlich gar keine Chance haben auf 6 hochzukommen, weil wir zu wenige deutsche Orientierungsläufer haben, die Weltranglistenpunkte haben. Ich kann ja schlecht zu einem Athleten sagen, du bist zwar zu schlecht für den Kader, aber reise doch bitte viermal im Jahr ins Ausland, damit es Weltranglistenpunkte gibt und die Kader Startplätze bekommen. Ich meine, wenn ich 4 internationale Startplätze habe, dann brauche ich keine 12 Leute im Kader. Ich habe schon jetzt das Problem, und das verstehe ich sehr gut, dass die Leute Motivationsprobleme kriegen, wenn sie nicht zum Einsatz kommen. Es bringt auch gar nichts bei 4 Startplätzen, mehr als 6 oder 8 in den Kader aufzunehmen. Da haben wir die Ressourcen gar nicht, die hätte auch ein Schweizer Kader nicht. Unser Kader, der Deutschland-Kader, ist größer als der Norwegische Kader. Auch der Juniorenkader ist größer in Deutschland als in Norwegen. Aber die haben natürlich in den Vereinen und auch an den Schulen ganz andere Möglichkeiten. Auch das kann man nicht einfach so übernehmen. Aber man muss dort aufpassen. Auch andere Verbände haben nicht die Möglichkeiten drei oder vier hauptamtliche Trainer zu beschäftigen. Das hat niemand eigentlich. Diese haben den Focus auf der absoluten Spitze und die anderen müssen sich selber helfen. Das ist auch das, was vom DOSB gefordert ist. Das Geld kommt nicht für, das sage ich jetzt böse, „OL-Ferien“, sondern das kommt für Spitzenleistungen. Das ganze andere Geld, nicht für den Leistungssport, also für Waldbenutzungsfragen oder Schulsport oder generell einfach Freizeitsport oder Seniorensport, müssen wir in der Sportart selber erwirtschaften. Da können wir nicht nach dem DTB oder dem DOSB schreien, das ist überall so. Das ist etwas, was mich stört, dass da zum Teil eben auch vom DOSV Forderungen an den DTB gestellt werden, die einfach nicht realistisch sind. Genau so, wie wir nicht Aerobicturnen finanzieren möchten, ist es ja umgekehrt auch so.

DOSV: Was geschieht z.B. mit den Mitteln des Innenministeriums, die der DTB für den OL erhält?

Chrafti: Die bekommen wir! Das bisschen, was davon im DTB verbleibt, das deckt bei weitem nicht den Aufwand, den die Geschäftsstelle mit uns hat. Wo sie uns echte Arbeit abnimmt. Wir könnten das nicht auch noch stemmen. Das sind in etwa 2000 € im Jahr, etwas mehr. Und das ist mit den BMI-Mitteln immer so. Auch ein selbstständiger Verband kann diese Mittel nicht direkt in den Leistungssport stecken. Die Mittel sind vorgesehen für eine Geschäftsstelle. Du wirst auch im BMI niemanden finden für ein Meeting nach 18.00 Uhr oder am Sonntag. Die erwarten eine Geschäftsstelle, Profis auf der anderen Seite. Dort fahren wir gar nicht so schlecht, dass wir diese Leute vom DTB haben. Das betrifft ja auch z.B. Korfball, Faustball oder so, das sind dann dieselben Leute. Diese ganzen kleinen Sportarten können sich eine eigene Geschäftsstelle gar nicht leisten. Und ich finde grundsätzlich ist das auch wirklich eine Chance. Es ist da von beiden Seiten viel Geschirr zerschlagen worden und man muss sich wieder finden. Die Kommunikation zwischen der Geschäftsstelle und mir oder auch Anne (Anne-Katrin Klar, TK-Mitglied und Vorsitzende des Trainerrates), wo wir teilweise mehrfach monatlich Kontakt haben, ist Tipptopp! Da arbeitet man wirklich zusammen und unterstützt uns. Häufig ist es nicht die Schuld der Leute vom DTB, wenn zum Beispiel das Bundesministerium verlangt, wir müssen eine Zweijahresplanung machen mit konkreten Aussagen für 2023, welches Trainingslager wo durchgeführt wird und was es kostet, und dafür dem DTB zwei Wochen Zeit gibt. Da kann die arme Dame in der Geschäftsstelle nichts dafür und muss das an uns weiterleiten obwohl sie weiß, dass das nicht möglich ist. Gemeinsam versuchen wir dann eine Lösung zu finden.

Ich habe das Gefühl, wir haben im deutschen OL in den letzten Jahren so viel Energie verloren mit Streitereien untereinander. Wir diskutieren über die Bezeichnung „Orientierungssport“ und die einzelnen Untersportarten. Das sind eigentlich Punkte, die sind international und national geregelt. Da müsste man nicht darüber diskutieren. Es gibt nun einfach mal die Struktur, dass es eine Sportart gibt mit verschiedenen Disziplinen und nicht einen Sportverband, der aus zig Sportarten besteht. Ich weiß, mit dem DTB ist das ein bisschen schräg. Aber international gibt es das eben nicht. Und da geht so viel Energie verloren. Es ist mir persönlich völlig klar, dass einige Sachen im DTB nicht realisierbar sind. Das weiß der DTB ja auch. Solche Dinge, wie der O-Manager, die Web-Seite und vieles mehr, ist sehr gut in einem DOSV aufgehoben. Aber es gibt andere Dinge, da sind die Strukturen im deutschen Sport einfach so, wie sie sind.

Wenn bei einer Bundestagung des DOSB über eine Änderung der Aufnahmeregelungen abgestimmt wird, die ermöglicht hätte, dass der OL als eigenständige Sportart sofort dabei gewesen wäre (das war 2014 oder so) und das mit über 400 zu 1 Stimmen abgelehnt wird. Ich glaube, dann ist’s vergebene Liebesmüh, sich da noch weiter zu engagieren. Dann gehen wir besser eine Karte aufnehmen oder einen Lauf organisieren oder Kindertraining machen. Ich denke, wir sollten da einfach ein paar Fakten akzeptieren und das verfolgen, was geht.

DOSV: Lieber Chrafti, ich danke dir sehr, dass du dir im Urlaub die Zeit genommen hast und uns einen so tiefen Einblick in deine Arbeit gegeben hast. Viel Erfolg weiter mit dem Nationalteam bei den kommenden Welt-Cups und in den kommenden Jahren.

(Das Gespräch mit Thomas Meier führte Wieland Kärger am 01.08.2021)