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08. August 2022

Weltcuppunkte bei EM-Mitteldistanz

Über die Qualifikation zum Mitteldistanzfinale am Mittwoch schafften es drei deutsche StarterInnen in den Endlauf am Samstag. Dort erreichte Bojan Blumenstein mit dem 22. Platz das beste Weltcupergebnis seiner Karriere. Hanna Müller wurde 38., auch sie konnte sich über ihre bisher beste Platzierung freuen. Ole Hennseler als 43. hatte mit Kartenproblemen der etwas anderen Art zu kämpfen. Die Goldmedaillen gingen an Simona Aebersold (SUI) und Albin Ridefelt (SWE). Bei den Damen ging eine umjubelte Silbermedaille an die Estin Evely Kaasiku. Die schwedischen Herren vollbrachten das Kunststück eines rein schwedischen Podests.

Schon die Qualifikation hatte es in sich. Im grünen, dichten und unübersichtlichen Wald Estlands reichte es, wenige Meter falsch zu sein, um den Posten zu verfehlen. Dass aufgrund von sechs Qualifikationsheats noch Gabelposten und viele LäuferInnen gleichzeitig im Gelände unterwegs waren, machte es sicherlich nicht einfacher. Solange der Kartenkontakt vorhanden war, war alles gut, aber sobald man ihn auch nur für Sekunden verlor, war Einlesen praktisch unmöglich. Entsprechend viele Fehler wurden gemacht, LäuferInnen kreiselten durch den Wald und auch große Namen waren davon nicht verschont.
Als zehnte ihres Vorlaufs qualifizierte sich Hanna Müller. Ihr Lauf war bei weitem nicht perfekt. Eine mitgeschleppte, leichte Erkältung beeinflusste sie noch etwas. Die ersten beiden Posten suchte sie dann schon ein kleinwenig, an Posten 11 wischte ein Ast ihr die Kontaktlinse aus dem Auge. Sie bekam sie wieder hinein. Weil es aber bei den anderen Posten richtig gut lief und sie als letztgestartete Läuferin von den Spuren der anderen profitieren konnte, qualifizierte sie sich souverän.
Auch bei Bojan Blumenstein war die Qualifikation mit Platz 9 recht souverän. Unterwegs fühlte er sich noch nicht so, als ob es ein super guter Lauf werden könnte. Auch er blieb aber annähernd fehlerfrei und bei den vielen Fehlern, die andere Läufer hinnehmen mussten, konnte er sich über den Finaleinzug freuen. Als zweiter deutscher Herr qualifizierte sich Ole Hennseler auf Platz 14 seines Vorlaufes. Die anderen deutschen schieden recht deutlich aus. Colin Kolbe wurde 34., Anton Silier 37., Katharina Linke landete auf Platz 38. Die besten 20 jedes Vorlaufs qualifizierten sich.
In der Damenkonkurrenz schafften fast alle der Favoritinnen die Qualifikation recht problemlos. Einzige Ausnahme: die Schwedin Karolin Ohlsson, die nach einem völlig missratenen Lauf ausschied. Gewonnen wurden die drei Vorläufe von Andrine Benjaminsen (NOR), Marika Teini (FIN) und Simona Aebersold (SUI), die im Finale als letzte starten sollten.
Bei den Herren taten sich einige Topläufer deutlich schwerer. Unter anderem Kasper Fosser (NOR) und Emil Svensk (SWE) qualifizierten sich nur knapp und mussten so mit einem frühen Startplatz im Finale vorliebnehmen. Als Pflug vorweg würden sie also die Spuren für die Späterstartenden treten. Die Siege gingen an Miika Kirmula (FIN), Gustav Bergman (SWE) und Tomas Krivda (CZE).

Im Finale gelang Bojan ein hervorragender Lauf. Technisch kam er gut zurecht. Leider wählte er zu Posten 6 die Route nicht gut, was auch viele andere LäuferInnen Zeit kosten sollte. Er verlor über eine Minute, wurde in der Folge aber vom nach ihm gestarteten Mathieu Perrin aufgelaufen. Und dieser sollte sich als der perfekte Partner erweisen. Keiner von beiden lief blind dem anderen hinterher, sie arbeiteten vielmehr sehr konstruktiv zusammen. Sobald der Vordermann einen kleinen Schlenker machte oder nicht die optimale Richtung hatte, übernahm der Hintermann die Führung und korrigierte, sodass der andere die nächste Verbindung vorbereiten konnte. An einem Tag, an dem fast alle Läufer von Konkurrenten profitieren konnten, reichte es so für Bojan zu Platz 22 (+5:05), Mathieu wurde sogar 8.
Auch Hanna kam recht gut zurecht. Als 38. (+14:11) sammelte sie ihre ersten Weltcuppunkte. Dabei wählte auch sie eine schlechte Route zu Posten 5, wo die Umlaufroute über den Weg eine Minute und mehr schneller war. Zu Posten 13 passierte ihr ein Richtungsfehler. Glücklicherweise konnte sie sich recht schnell einlesen, indem sie an Posten 14 herauskam und so den Zeitverlust in Grenzen halten. Gegen Ende konnte sie noch von einer Tram um Sarina Kyburz, die sie einholte, profitieren. Dem Tempo der anderen Läuferinnen konnte sie sehr gut folgen, ein Vorteil ergab sich vor allem durch mehr Sicherheit für sie.
Als 43. (+9:00) verpasste Ole die Weltcuppunkte knapp. Dabei erwischte er einen guten Start in den Wettkampf. Seine Taktik war, mit viel Ruhe das Höhenbild zu erfassen. Das klappte, die Wegroute zu Posten 6 sah er dadurch aber nichteinmal. Er wählte also eine Route durchs Dickicht. Dabei riss die Hülle seiner Karte auf. Weil es den ganzen Vormittag über gewitterte war der Wald entsprechend nass. An den Posten 8 und 9, sowie den Posten 16-18 verlief sämtliche Farbe von der Karte. Er hatte aber Glück im Unglück. Durch die schlechte Route wurde er von dem Dänen Jakob Edsen aufgelaufen. Gemeinsam liefen sie zu Posten 8 und 9. Edsen war etwas langsamer unterwegs als Ole normalerweise gelaufen wäre, weil er aber später noch einen blinden Fleck auf der Karte hatte, wollte er ihm nicht weglaufen. Erst nach Posten 18 konnte er wieder Gasgeben.

Durch die Belaufbarkeit des Geländes war es im Finale vermutlich nicht möglich, als frühgestartete Dame eine Zeit zu setzen, die für eine Topplatzierung reichte. Erste Finisherin war Ina Westerlund aus Finnland in 48:45 Minuten. Mit der Zeit gab es einige Spuren im Gelände, sodass sich diese Zeit nach und nach weiter verbesserte. Die Finnin Miia Niittynen setzte die erste Topzeit – 41:10 Minuten. Dann kam die Estin Evely Kaasiku. Schon in der Qualifikation hatte sie ein gutes Rennen abgeliefert, war sechste ihres Vorlaufes geworden. Wie einige andere Esten in guter Position hatte sie die Langdistanz ausgelassen, der gesamte Fokus lag auf der Mitteldistanz, die sie in guter Position im Starterfeld bestreiten würde. Sie startete gut und fehlerfrei. Am ersten Funkposten nach der langen Route, wo sie konsequent über den Weg umlief, lag sie zwanzig Sekunden in Front. Sie sammelte die vor ihr gestartete Norwegerin Ane Dyrkorn – am Ende Vierte – ein. Im etwas offeneren Mittelteil verlor sie einige Sekunden, blieb aber fehlerfrei. Vor allem auf den Dickichtpassagen glänzte Kaasiku. Am letzten Funkposten vor dem Ziel hatte sie einen zu diesem Zeitpunkt schier unglaublichen Vorsprung von 4:07 Minuten. Läuferisch verlor sie bis ins Ziel noch einige Sekunden, trotzdem – 37:07 Minuten. Entsprechend wurde sie von den Zuschauern im Ziel gefeiert. Und man begann sich zu fragen, wer überhaupt noch in Frage kam, diese Zeit noch zu schlagen, denn die Konkurrentinnen nach ihr machten reihenweise Fehler. Schon wer zu Posten 5 nicht die Umlaufroute wählte, konnte sich quasi keine Hoffnungen mehr machen, die Zeit Kaasiku’s zu schlagen. Tove Alexandersson startete. Sie nahm die falsche Route zu Posten 5, aber wer, wenn nicht sie, sollte so einen Rückstand noch herauslaufen können. Ein Fehler zu Posten 8, ein noch größerer Fehler im eigentlich so schnellen Teil zu Posten 12. Nein, an diesem Tag sollte es für sie wieder nicht reichen zu einer Medaille. Die nächste Schwedin, Lisa Risby, lief gut. Sie wählte die richtige Route und kam hervorragend durch den Mittelteil. Mit 34 Sekunden Vorsprung nahm sie die letzten Dickichtposten in Angriff. Doch dort war Kaasiku an diesem Tag fast unschlagbar, und Risby driftete im Grün zu Posten 17 wie so viele andere ab. Johanna Öberg, ebenfalls aus Schweden, leistete sich die falsche Route zu Posten 5, suchte darüberhinaus den Posten noch, doch ab dort lief sie gut und sicher. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt aber schon mehr als 3:30 Minuten Rückstand auf Kaasiku, mehr als Rang 6 war nicht drin für sie. Mit Venla Harju stand die nächste Favoritin auf den Sieg bereit, die in der Langdistanz bereits bewiesen hatte, dass sie das Gelände beherrschte. Auch sie geriet an der Routenwahl bereits ins Hintertreffen, lief aber mit der vor ihr gestarteten Tschechin Tereza Janosikova zusammen und konnte sich durch hohes Tempo in den Bereich von Kaasiku vorarbeiten. Dann aber verfehlte sie Posten 12, drehte eine Schleife und angesichts Kaasiku’s Geschwindigkeit durchs Dickicht schien es unmöglich, dass sie 1:37 Minuten Rückstand auf den letzten 1,5km aufholen konnte. Immerhin, Harju war die einzige Dame, die Kaasiku zwischen Posten 14 und 19 schlagen konnte. 38:30 Minuten bedeuteten schlussendlich Rang 3. Es fehlten nun nur noch die letzten drei Damen, die schnellsten der Qualifikation. Im Leaderschair im Ziel kauerte sich Kaasiku zusammen, wollte sich vor den Kameras verstecken. Andrine Benjaminsen (NOR) suchte bereits den ersten Posten. Die Medaille für Kaasiku schien schon sicher. Marika Teini (FIN) startete gut – versuchte Posten 5 aber auf dem direkten Weg durchs Dickicht. Es fehlte nur noch die Schweizerin Simona Aebersold. Rang zwei für Kaasiku, oder doch die ganz große Überraschung? Sie lief schnell, wählte die richtige Route, hatte 39 Sekunden Vorsprung am ersten Funkposten und Teini aufgelaufen. Der Vorsprung wuchs, und erst Posten 12 konnte sie bremsen. Aber auch Kaasiku hatte hier einige Sekunden liegengelassen. Schnell konnte Aebersold korrigieren, 1:20 Minuten Vorsprung waren es am nächsten Funkposten. Aber man wusste, es kam noch Posten 17, den bereits so viele Läuferinnen vorher gesucht hatten. Marika Teini bog falsch ab, doch Aebersold setzte den Weg durchs Dickicht allein fort. Teini fiel zurück, konnte den Zeitverlust aber in Grenzen halten. Sie landete mit 3:29 Minuten Rückstand auf Platz 5. Und Aebersold konnte den Vorsprung bis ins Ziel bringen. Eine umjubelte Silbermedaille für Kaasiku, Gold für Aebersold. Die erste Einzelgoldmedaille für Aebersold. Wie viel sie ihr bedeutete, zeigte sich wenig später im Siegerinterview.

Die Qualifikation der Herren war noch selektiver als bei den Damen. So starteten im Finale auch einige große Namen bereits mit frühen Startzeiten. Einer derjenigen war Emil Svensk. Trotz frühen Starts und damit verbunden noch wenigen getretenen Pfaden konnte er einige gute Zeiten setzen. Die Routenwahl zu Posten 6 war ähnlich der langen Routenwahl der Damen. Auch hier war es fast obligatorisch die Wegroute zu nehmen, wenn man eine Podestchance haben wollte. Im ersten Teil der Strecke lag er dicht an der späteren Bestzeit. Erst ein kleine Unsicherheit zu Posten 12 ließ eine kleine Lücke aufgehen. Ein etwas größerer Fehler zu Posten 18 im letzten Renndrittel ließ dann alle Podestambitionen dahinschwinden und er musste sich mit Platz 12 zufriedengeben. Wie sich bei der Staffel am Sonntag zeigen sollte, war er soetwas wie die tragische Figur dieser EM. Dreimal lag er bis kurz vor Schluss auf Medaillenkurs, dreimal verhinderte ein Fehler auf den letzten Posten den Gewinn einer solchen. Nächster Hauptakteur war erneut ein Schwede. Anton Johansson lief schnell, technisch sicher und mit viel Vorsprung in einer Zeit von 35:57 Minuten deutlich vor dem zu dem Zeitpunkt führenden Svensk ins Ziel. Er brachte den Franzosen Loic Capbern mit, zu diesem Zeitpunkt zweiter, am Ende zeitgleich mit Eskil Kinneberg (NOR) Fünfter. An seiner Zeit sollten sich alle weiteren Starter messen müssen. Olli Ojanaho aus Finnland war der nächste Starter, der annähernd in die Nähe dieser Zeit kam. Nach Rang 6 in der Langdistanz sollte es mit schlussendlich Rang 4 seine zweite Podiumsplatzierung der Woche werden – eine Leistung, die der sechsmalige Juniorenweltmeister so noch nicht auf Eliteniveau zeigen konnte. War diese EM vielleicht sein Durchbruch in die internationale Spitze? Mit Albin Ridefelt folgte der nächste Schwede kurz darauf. Für den Großteil der Strecke lag er knapp hinter seinem Teamkollegen. Erst nach einer minimalen Unsicherheit Johanssons zu Posten 17 konnte er vorbeigehen. Und auch durch eine ungewöhnliche, aber schnelle Umlaufroute über den Weg zu Posten 19 konnte er im Ziel mit 17 Sekunden Vorsprung in Führung gehen. Besonders hervorzuheben bei seiner Leistung: Er war der einzige Medaillengewinner, der nicht von aufgelaufenen Läufern profitieren konnte. Letzter verbliebener Topfavorit nach Ridefelt war dann ein weiterer Schwede. Gustav Bergman wählte aber zu Posten 6 die Route durchs Dickicht und verlor zu viel Zeit – geschätzt rund eine Minute verlor man auf dieser Route. Mit 47 Sekunden lag er an der ersten Zwischenzeit zurück. In der Folge lief er stark, doch auch seine Teamkollegen hatten sich quasi keine Schwäche erlaubt. Er kämpfte, kam aber nicht näher an die beiden vor ihm liegenden heran. Im Ziel lag er 37 Sekunden hinter Ridefelt auf dem Bronzerang. Er konnte für einen schwedischen „clean sweep“ sorgen, muss aber weiter auf seine erste Einzelgoldmedaille bei einer internationalen Meisterschaft warten.

 

Ergebnis:

Damen

1.

SUI

Simona Aebersold

35:40 Minuten

2.

EST

Evely Kaasiku

+1:27

3.

FIN

Venla Harju

+2:50

38.

GER

Hanna Müller

+14:11

 

Herren

1.

SWE

Albin Ridefelt

35:40 Minuten

2.

SWE

Anton Johansson

+0:17

3.

SWE

Gustav Bergman

+0:37

22.

GER

Bojan Blumenstein

+5:05

43.

GER

Ole Hennseler

+9:00

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