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10. August 2022

EM-Staffel in Rakvere

Die Staffel bildete den Abschluss der diesjährigen EM. Das deutsche Herrenteam lieferte einen soliden 12. Platz ab. Eine deutsche Damenstaffel konnte aufgrund vieler Ausfälle kurz vor Beginn der Titelkämpfe nicht an den Start gehen. Es gewannen die Teams aus Schweden (Damen) und Norwegen (Herren).

Die deutsche Herrenstaffel war leicht verändert gegenüber der letztjährigen WM-Staffel. Statt des damaligen Startläufers Felix Späth lief Colin Kolbe die deutsche Staffel an. Entsprechend war auch die Zielsetzung für die Staffel formuliert. Mit Platz 10 sollte das Ergebnis jener WM in Tschechien bestätigt werden. Colin kam technisch gut über die Startstrecke und fühlte sich auch physisch recht gut. Die Bahnlegung bot allerdings sehr ungleiche Gabelungsvarianten. Hier hatte Colin Pech und bekam immer eine der Längeren ab. Entsprechend groß war der Rückstand, den die deutsche Staffel nach der Startstrecke hatte. 2:36 Minuten Rückstand standen am Ende seiner Strecke zu Buche. Viel zu viel normalerweise, war so doch die Tram weg. Er hatte aber auch nicht wirklich eine Chance weiter vorn heranzulaufen, wie auch ein Blick auf die anderen Staffeln zeigt. Albin Ridefelt für das Team Schweden 1 lag 6 Sekunden vor Colin. Er war in ähnlicher Art und Weise mit den längsten Gabeln beglückt und Colin konnte einen Teil der Strecke mit ihm absolvieren. Colin wechselte auf Ole als zweiten Läufer. Auch dieser kam technisch recht sauber durch, berichtete von einem Parallelfehler an Posten 6, der etwa eine Minute kostete und von 2-3 kleineren Zeitverlusten von etwa 20 Sekunden. Läuferisch aber war nichts mehr im Tank nach drei anstrengenden Wettkampftagen zuvor. Er musste einige Staffeln vorbeiziehen lassen und auch der Abstand auf die Spitze wurde größer, als er es sich erhofft hatte. Mit 9:09 Minuten Rückstand übergab er auf Schlussläufer Bojan Blumenstein, dem wiederum eine richtig starke Performance gelang. Bis Posten 13 verlor er nur 14 Sekunden auf die Spitze und sammelte so einige vor ihm laufende Teams ein. Erst gegen Ende machte er zwei kleine Fehler, sodass die Teams aus Tschechien und Lettland, denen er zuvor noch weggelaufen war, wieder zu ihm aufschließen konnten. Schon kurz vor Schluss merkte er, dass beide im Zielsprint stärker waren. Er versuchte noch durch eine Routenwahl etwas zu bewirken, musste sich aber beiden geschlagen geben und lief auf Rang 17 ein. Nach Nationen bereinigt entsprach dies Rang 12. Das Ziel einer Top10-Platzierung wurde damit knapp verfehlt, war aber bis zuletzt in Reichweite.
Da keine deutsche Damenstaffel an den Start gehen konnte, liefen Katharina Linke (Mix 2) und Hanna Müller (Mix 4) in internationalen Mixed-Teams. Auch Anton Silier (Mix 6) ging als vierter deutscher Herr in einem solchen Team an den Start.

Teils durch die Gabelungsvarianten, teils durch Fehler der Läufer auf der sowieso schon langsameren Variante, spaltete sich das Feld schon nach zwei Posten in zwei Teile, die etwa eine Minute trennte. Und in der hinteren Gruppe lagen zwei Staffeln, die als Mitfavoriten gelten durften, aber schon so in die Defensive gerückt waren, dass sie die Minute nie wieder zu schließen vermochten, auch weil es in diesem Gelände unglaublich schwer war, fehlerfrei zu bleiben – die Schweiz mit Daniel Hubmann und Schweden mit Albin Ridefelt. Auch die in dem Gelände bisher stark laufenden Franzosen lagen zurück. Für die Schweden war das sicherlich zu verschmerzen, führte doch nach der ersten Strecke Henrik Johannesson für das Team Schweden 2 vor Magne Daehli (NOR) und Viktor Svensk (SWE 3). Auf der zweiten Strecke lief für Norwegen Kasper Fosser. Aus den zwanzig Sekunden Rückstand, die Daehli ihm mitbrachte, machte er eine Minute Vorsprung. Bis kurz vor Schluss konnte Anton Johansson für Schweden 2 seinem Tempo folgen, doch Fosser profitierte auch von den unterschiedlichen Gabelungslängen. Kurz vor Schluss konnte er den Schweden distanzieren, weil er die kürzere Variante wählen durfte. Auf Rang drei beim zweiten Wechsel lag das Team Schweden 3 mit Isac von Krusenstierna. Dahinter konnte Florian Howald zwar nicht näher an die Spitze heranlaufen, er verlor allerdings nur eine Minute auf Fosser und konnte sein Team bis auf Rang 4 (+2:25) nach vorn laufen. Hervorzuheben: Auf Nationenrang 5 folgte das Team aus Belgien. Evert Leeuws konnte die hervorragende Vorarbeit von Yannick Michiels nutzen und sein Team im Kampf ums Podest halten. Schweden 1 lag zu diesem Zeitpunkt schon vier Minuten zurück und würde wohl im Ergebnis keine Rolle mehr spielen.
Eskil Kinneberg für Norwegen auf der dritten Strecke verlor zunächst etwas Zeit. Er machte zwar keine Fehler, hatte aber an den ersten Posten die längste Variante. Die hatten auch Max Peter Bejmer und Emil Svensk für die beiden schwedischen Teams. Svensk führte die Posten aber besser aus und konnte bis auf 38 Sekunden an Kinneberg heranlaufen. Eine kürzere Gabel hatte der Schweizer Matthias Kyburz. Um zu Kinneberg aufzuschließen reichte es zwar nicht, er kam aber an Bejmer heran. Im Duo liefen sie Svensk wieder auf, Kinneberg an der Spitze vergrößerte seinen Abstand aber ebenfalls wieder. Bis zum Ende blieben die Gruppen im gleichen Abstand zusammen, bei den Verfolgern schien der gerade erst von Corona genesene Kyburz mehrfach Probleme zu haben, seinen schwedischen Begleitern zu folgen. Zu Posten 19 aber war es dann Emil Svensk, der den entscheidenden Fehler machte. Er hatte sich einige Meter von seinen Begleitern absetzen können, blieb dann aber wie viele andere zu weit östlich. Die anderen überholten, Bejmer holte Silber für Schweden 3, Kyburz Bronze für die Schweiz. Und Svensk ging wiedereinmal leer aus.

Auch das Damenrennen war geprägt von den ungleichen Gabelungen. Dabei waren die ersten beiden Posten etwas gleichmäßiger als bei den Herren. Durch Fehler im unübersichtlichen Gelände kam es aber auch bereits hier zu großen Zeitrückständen. Norwegen und die Schweiz verloren eineinhalb Minuten. Die Führung übernahmen in einer großen Gruppe unter anderem Finnland mit ihrer nominell schwächsten Läuferin Miia Niittynen, Lina Strand für Schweden und die junge Dänin Malin Agervig Kristiansson. An der entscheidenden, weil sehr ungleichlangen Gabelung an Posten 14 konnte sich Niittynen absetzen. Sie hatte die kürzeste Variante, während Strand zum weitesten Posten musste. Relevant auch dahinter: Sarina Kyburz konnte für die Schweiz den Rückstand etwas verringern, auch sie hatte den kurzen Posten. Ane Dyrkorn (NOR) musste dagegen etwas weiter und handelte sich weiteren Rückstand ein. Vorn dabei aber die anderen beiden norwegischen Teams mit Anna Ulvensoen und Tone Bergerud Lye.
Strecke zwei begann mit einem gemeinschaftlichen Fehler der drei führenden Teams Finnland, Dänemark und Norwegen 2. Während Cecilie Friberg Clysner aber sehr konsequent auf die Straße hinauslief und den Zeitverlust in Grenzen halten konnte, kreiselte die Finnin Marika Teini einige Minuten. Tschechien, Dänemark 2 und vor allem Schweden gingen vorbei. Dänemark 2 fiel durch die nächste Gabelung etwas zurück. Gemeinsam nahmen Sara Hagström und Adela Finstrlova den mittleren Teil der Strecke in Angriff. Die Gabelung spaltete auch die Verfolgertram. Friberg Clysner konnte sich hier absetzen. Vorn lief Hagström ein hervorragendes Rennen. Auch die Tschechin konnte nicht mehr folgen, kassierte bis ins Ziel aber nur eine Minute. Dahinter wurde es aber deutlich, auch Tschechien hatte mehr als drei Minuten Vorsprung vor den nächsten Staffeln. Friberg Clysner machte zu Posten 13 einen Richtungsfehler, wurde wieder von der Tram aufgelaufen. Weil sie aber als einzige die kürzeste Gabel am 14. Posten hatte, musste sie nur Enni Jalava für Finnland 2 vorbeilassen. Und weil die Schweizerin Elena Roos sich eine kleine Unsicherheit leistete, konnte Marie Olaussen trotz der längsten Gabelungsvariante zu ihr und ihrer Tram aufschließen. Und man wusste: Norwegen hatte auf der Schlussstrecke zu Posten 14 die kürzeste aller Varianten. Um in den Kampf um Gold und Silber eingreifen zu können, musste vermutlich ein Wunder geschehen, über sechs Minuten lag Hagström vor dieser Tram in Front. Die Bronzemedaille war mit geradeeinmal zwei Minuten aber noch in Reichweite.
Diese Startposition war wahrscheinlich das, was Superstar Tove Alexandersson mit angekratztem Selbstbewusstsein für die Schlussstrecke brauchte. Sie zeigte ihren mit Abstand besten Lauf dieser EM. Und wenn eine Tove Alexandersson annähernd fehlerfrei – nur zu Posten 16 machte sie den häufig gemachten Parallelfehler – durchkommt, gibt es wenige Läuferinnen, die auch nur annähernd dieses Tempo laufen können. Lediglich Andrine Benjaminsen (NOR) verlor weniger als eine Minute, hatte aber auch eine deutlich kürzere Gabelungsvariante. Für Tschechien lief Tereza Janosikova. Schon zum ersten Posten lief sie deutlich zögerlicher und es wurde schnell klar, dass sie sich eher nach hinten orientieren musste, um die Silbermedaille abzusichern. Die Dänin Miri Thrane Ödum machte an der Gabelung am fünften Posten einen großen Fehler und fiel aus der „Medaillen-Verlosung“ heraus. Norwegen hatte sich bis dahin etwas von der Schweiz absetzen können, durch eine kürzere Gabelung Aebersolds liefen sie aber gemeinsam weiter. Sie hatten sich schon auf Platz 3 und 4 vorgearbeitet. In der Folge lief Aebersold deutlich schneller als ihre norwegische Konkurrentin. An Posten 12 hatte sie gar 50 Sekunden Vorsprung. Janosikova vor ihr verlor viel Zeit, hatte aber auch noch 1:40 Minuten Vorsprung. Man wusste aber, bei der letzten Gabelung hatte Aebersold die längste Variante, Benjaminsen dagegen die kürzeste. Und so musste die Schweizerin machtlos zusehen, wie Benjaminsen vorbeizog. Es gewann Schweden mit fünf Minuten Vorsprung vor Tschechien, eine weitere Minute dahinter Norwegen. Auf Platz 6 der Nationenwertung, hinter der Schweiz und Finnland, sprintete Evely Kaasiku für Estland und holte sich einen sehr verdienten Applaus vom Publikum ab.

Bundestrainer Thomas Meier bewertete das deutsche Abschneiden bei der EM sehr positiv. Vor allem Platz 22, 38 und 43 in der Mitteldistanz bezeichnete er als äußerst erfreulich. Auch über die Langdistanz brachte ein 31. und 45. Platz den gestiegenen Anspruch herüber – Weltcuppunkte sind Ziel, nicht erfreuliche Überraschung. Vor diesem Hintergrund macht er aber auch auf zwei Aspekte aufmerksam, die bei dieser EM kritisch zu berücksichtigen sind. Mit Colin Kolbe und Bojan Blumenstein standen zwei Starter im Aufgebot, die bisher an allen Wettkampfhöhepunkten der Saison teilgenommen haben. Für Colin steht darüberhinaus in wenigen Tagen noch ein letztes Highlight an – die Studierenden-WM in der Schweiz. Bei einer so dicht „gedrängten Abfolge von Wettkampfhöhepunkten mit WM, Worldgames und EM gilt es nicht nur die physische, sondern vor allem auch die mentale Belastung zu berücksichtigen. Nicht nur im deutschen Team haben es Vielstarter nicht geschafft, die nötige Konzentration über alle Wettkämpfe aufrecht zu erhalten. Dies gilt es in den kommenden Jahren zu berücksichtigen. Dass alles [zu] 100-Prozent stimmen muss, wird in den Ranglistenregionen, in die wir uns langsam wieder vortasten, immer wichtiger.“ Bedenklich stimmt ihn auch die Absage von gleich vier AthletInnen für diese EM und Erkrankung eines weiteren: „Dass gleich drei Kaderathletinnen durch COVID-Erkrankungen respektive ihrer Folgen ausgefallen sind, ein weiterer Athlet durch anderweitige Erkrankung und ein weiterer durch nicht genügenden Formaufbau nach Verletzung, zeigt Mängel im Gesundheitsmanagement auf. Wir müssen hier besser werden. Obwohl keinerlei Beziehung zwischen den Fällen besteht, [gibt es] Gemeinsamkeiten, welche angegangen werden müssen.“

 

Ergebnis

Damen

1. SWE L. Strand, S. Hagström, T. Alexandersson 1:49:18
2. CZE V. Horcickova, A. Finstrlova, T. Janosikova +5:10
3. NOR A. Dyrkorn, M. Olaussen, A. Benjaminsen +6:14

 

Herren

1. NOR M. Daehli, K. Fosser, E. Kinneberg 1:46:44
2. SWE 3 V. Svensk, I. von Krusenstierna, M. P. Bejmer +1:31
3. SUI D. Hubmann, F. Howald, M. Kyburz +1:41
17. (12.) GER C. Kolbe, O. Hennseler, B. Blumenstein +10:16

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Offizielles Endergebnis