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16. Juni 2022

Elitetipp im Juni: Die neue Disziplin Knock-Out Sprint

Für die einen ein publikumswirksames Spektakel, für die anderen eine Entfremdung von den Wurzeln des Orientierungslaufs: Als dritte Sprintdisziplin ergänzt der KO-Sprint inzwischen das internationale Weltcupprogramm. Die Internationale Orientierungslauf Föderation geht dabei konsequent den eingeschlagenen Weg weiter, Orientierungslauf einem breiteren Publikum bekannt zu machen. In diesem Elitetipp wird ein kurzer Überblick über die Regeln, die Historie und verschiedene technische und taktische Aspekte gegeben.

Enges Herrenfeld im Finale des letzten KO-Weltcups. Quelle: IOF/William Hollowell

Die Motivation: Nachdem im Jahr 2015 die Aufteilung der WM in einen Wechsel aus Wald- und Sprintweltmeisterschaften beschlossen wurde, begann die Suche nach einer dritten Sprintdisziplin, die den Einzelsprint und die Sprintstaffel ergänzen sollte. In den folgenden zwei Jahren wurde von Daniel Leibundgut und Matthias Niggli ein Regelwerk für diese neue Dispziplin ausgearbeitet und im Jahr 2018 beim Weltcup in Tschechien erstmals getestet. Heraus kam eine neue Massenstartdisziplin mit mehreren Qualifikationsrunden.

Der Ablauf: Der KO-Wettkampf beginnt mit einer Qualifikation, die als „Time Trial“ absolviert wird. Dabei wird das Starterfeld in drei Gruppen unterteilt, zeitgleich gehen LäuferInnen aus diesen drei Heats auf ihre untereinander gegabelten Bahnen. Es qualifizieren sich die jeweils 12 Zeitschnellsten für die Viertelfinals. Kommt es zu Platzteilungen, entscheidet die Weltrangliste über die Reihenfolge der Platzierungen. Ab dem Viertelfinale sind die Rennen im „First-to-Finish“-Modus. Sechs LäuferInnen treten gegeneinander an, die schnellsten drei (Viertelfinale) bzw. zwei (Halbfinale) rücken in die nächste Runde vor, bevor im Finale die Platzierungen ausgelaufen werden. Es werden so enge Abstände erwartet, dass Zielphotokameras zum Einsatz kommen.
Wie bei Massenstartrennen üblich besteht die Möglichkeit, dass die Strecken ein Gabelungssystem beinhalten. Dabei sind allerdings nur faire Gabeln erlaubt – Schleifen oder Loops also. Darüber hinaus kann ein extra für den KO-Sprint entworfenes Gabelungssystem zur Anwendung kommen – die „Runner’s Choice“. Vor dem Start des Laufs werden den LäuferInnen drei Kartenausschnitte mit einem gegabelten Bahnabschnitt von maximal fünf Posten präsentiert, inklusive Anfang und Ende der Gabelung. Alle StarterInnen haben gleichzeitig zwanzig Sekunden Zeit eine Variante auszuwählen, ohne aber zu wissen, was die anderen wählen. Neben Schleifen und „Runner’s Choice“ kann es allerdings auch vorkommen, dass die Bahn überhaupt nicht gegabelt ist, es ist jedoch auch mehr als eine Art der Gabelung erlaubt.

So oder so ähnlich könnte eine "Runner's Choice" aussehen. Das Beispiel stammt aus dem Trainer-A-Lehrgang im März. Quelle: Hochschulsport Göttingen / Leon Kollenbach.

Taktische Aspekte: Eine Einzel-Massenstartdisziplin ist im internationalen Orientierungslauf eine Neuheit – abgesehen von Tests mit Jagdstarts, die allerdings nicht überzeugt haben. Während die technischen Komponenten relativ simpel sind und sich auf dem Niveau des Einzelsprints bewegen, kommen einige neue taktische Überlegungen hinzu. Das taktische Verhalten im Tramlaufen ist aus Staffeln bekannt, auch Aspekte aus dem Bahnlauf sind in dieser Disziplin wichtig. Es wird im folgenden vor allem auf Aspekte spezifisch für diese Disziplin eingegangen. Diese sind allerdings noch mit Vorsicht zu genießen, der KO-Sprint ist noch eine sehr neue Disziplin, die Aussagekraft von nur vier Wettkämpfen auf höchstem Niveau sollte nicht überschätzt werden.

Die größte Neuheit in der Disziplin bringt sicherlich die „Runner’s Choice“. Gängige Taktik bei der „Runner’s Choice“ ist es, zunächst zwei der drei Kartenausschnitte miteinander zu vergleichen. Der bessere dieser beiden wird dann gegen die dritte Gabelungsvariante abgewogen. Sollte noch Zeit verbleiben, so wird der Ablauf der dann gewählte Variante vorbereitet.
Einfach ist die Wahl, wenn alle Varianten unterschiedlich lang sind oder aus anderen Gründen eine Variante eindeutig zu bevorzugen ist. Gibt es aber zwei oder drei gleichlange Varianten, so gilt es dies möglichst schnell zu erkennen, um vorplanen zu können und Zeit für weitere taktische Überlegungen zu haben. Ein Auswahlkriterium könnte beispielsweise sein, wenn eine der Varianten nicht parallel zu den anderen beiden verläuft Die Wahrscheinlichkeit, dass man allein auf dieser Variante unterwegs sein wird, ist übermäßig groß und meist läuft man in der Tram schneller. Gibt es auf einer Variante Rein-/Raus-Posten? In der Tram können diese nicht nur in der „Runner’s Choice“ zu Platzverlust und Rückstand auf den/die Führenden führen, wenn die KonkurrentInnen sich gegenseitig beim An-/Ablaufen behindern. Es könnte ratsam sein, solchen Gefahren aus dem Weg zu gehen. Manchmal, wie im Halbfinale der letztjährigen Europameisterschaften, gibt es auch Längsgabeln.

Längsgabel in der "Runner's Choice" bei der EM 2021 in der Schweiz. Quelle: Veranstalter EOC 2021

Hier können eigene Präferenzen eine Rolle spielen: möchte ich meinen Gabelungsposten früh haben, um dann im Verlaufe der Gabelung wieder an die anderen LäuferInnen heranzulaufen, oder möchte ich ihn spät haben, um zunächst vor den anderen weglaufen zu können?  Es gibt keine Sicherheit, dass diese taktischen Gedankenspiele tatsächlich den Unterschied ausmachen. In einer Disziplin, in der es im Zweifel um Zentimeter geht, halte ich diese dennoch für berechtigt.

"Runner's Choice" beim Weltcup in der Schweiz 2019. Die Routen A und B verlaufen parallel, Route C unterscheidet sich, obwohl die Länge gleich ist. Quelle: Veranstalter WC 2019

Ist nicht bereits vor dem Wettkampf eine Zuordnung der Qualifizierten zu den Viertelfinalheats vorgegeben, so erfolgt diese durch die LäuferInnen selbst. Die Auswahlreihenfolge ist dabei typischerweise beginnend mit den Zweitplatzierten der Heats, dann die Erstplatzierten, danach folgen die anderen mit aufsteigender Platzierung. Auch hier können schon taktische Entscheidungen getroffen werden. Dabei werden die stärksten LäuferInnen der Quali häufig gleich zu Beginn mit zwei oder drei LäuferInnen in ein und denselben Heat gehen. Was zunächst seltsam wirkt, hat den Hintergrund, dass dieser bei den im Mittelfeld der Quali folgenden LäuferInnen eher unbeliebt ist, da die bereits eingewählten Läufer tendentiell stärker sind und sich nur drei LäuferInnen qualifizieren. In zunächst freien Heats werden sich die LäuferInnen aus dem Mittelfeld sammeln, diese Heats sind ja vermeintlich leichter, während in die stark besetzten Heats erst aus dem hinteren Feld LäuferInnen kommen, wenn andere Heats bereits voll sind. Die drei starken Läufer in diesen Heats können dadurch eventuell ein kleinwenig Körner sparen, wenn sie nicht bis zum Ende durchziehen müssen. So die Theorie – bei der internationalen Leistungsdichte spielt das zumindest bei den Männern, bis auf wenige Ausnahmen aber auch bei den Frauen, keine Rolle.

Entscheidender Posten beim diesjährigen Weltcup in Schweden. Tim Robertson verlor durch wenige zusätzliche Meter (rot) die Spitzenposition an Matthias Kyburz (blau). Quelle: Veranstalter Weltcup 2022

Häufig zitiert ist auch die Frage, ob in der Qualifikation etwas Kraft gespart werden kann. Im Schnitt über alle vier bisher stattgefundenen Veranstaltungen durfte ein Qualifikant bei den Herren maximal 32 Sekunden Rückstand auf den Heatsieger haben, das entspricht etwa 4-5%. Dieser Rückstand ist zuletzt eher weniger geworden. Die Frage lässt sich deshalb ganz klar verneinen, zuletzt sind selbst läuferisch starke Läufer wie Yannick Michiels und Joey Hadorn bereits in der Qualifikation rausgeflogen. Der Rückstand bei den Damen konnte etwas größer sein, im Schnitt kam man mit 52 Sekunden Rückstand weiter. Das entspricht etwa 8-10%. Als sehr starke Läuferin können hier eventuell minimal Körner gespart werden.

Wichtig sich zu vergegenwärtigen ist auch, dass es im KO-Sprint nahezu unmöglich ist, durch gutes Orientieren Vorsprung anzusammeln, wohl aber kleine Rückstände wettzumachen. So geschehen beim letzten Weltcup, als die Damen- und die Herrenkonkurrenz durch eine solche Mikroroutenwahl entschieden wurden. Tim Robertson konnte durch eine gut ausgeführte Route einen Vorsprung herauslaufen, die anderen konnten sich jedoch wieder heransaugen und ein minimales Zögern an Posten 11, als er ca. 2 Meter zu weit um ein Dickicht rannte, kostete ihn den Sieg.

Im KO-Sprint wird immer volles Tempo gegangen. Quelle: IOF / William Hollowell

Aus dem Radsport, dem Bahnlauf oder der Sprintdisziplin im Skilanglauf kennt man sogenannte Steherrennen, in denen es darum geht, den/die anderen zu überraschen. Im internationalen KO-Sprint ist dies meines Wissens noch nicht vorgekommen, dass abgewartet und sich belauert wurde. Es wird immer voll gelaufen, rein läuferisch können eigentlich alle das angeschlagene Tempo mitgehen. Lediglich Ausnahmeathleten wie Tove Alexandersson können sich vom Rest des Feldes absetzen – was häufig auch geschieht, um das Risiko in der Schlussphase gering zu halten.

Wird der Knock-Out Sprint auch bei uns kommen?

Wie sicherlich anhand des Artikels schon zu sehen ist: größtes Manko der Disziplin KO-Sprint ist, dass es eine Elitedisziplin ist und aller Voraussicht nach nicht sinnvoll im Breitensport umsetzbar sein wird. Schon bei nur zwei Kategorien ist die Ausrichtung einer solchen Veranstaltung ein hoher Aufwand, zeitlich ist alles sehr eng getaktet und es bleibt quasi keine Zeit für Fehler im Ablauf. In Summe – inklusive der vorgeschriebenen Pausenzeiten zwischen den einzelnen Finalrunden – dauert ein KO-Sprint 7:45 Stunden. Jede weitere Kategorie verlängert den Ablauf um bis zu eine Stunde, es kommen zehn weitere Massenstartrunden hinzu, die von den anderen um etwa fünf Minuten getrennt sein sollten, damit es nicht zu Überschneidungen kommt. Der Nutzen jeder weiteren Kategorie ist, dass 36 Teilnehmende mehr an einem Viertelfinale teilnehmen können.

 

Allen, die selbst einmal einem KO-Sprint anschauen wollen, ist der KO-Sprint an den Weltmeisterschaften am 28. Juni zu empfehlen; es gibt eine Live-Übertragung durch das IOF, noch besser erlebt man die spezielle Athmosphäre, wenn man sich die Veranstaltung vor Ort anschaut – unser Nationalteam wird lautstarke Unterstützung sehr schätzen.

 

Autor: Leon Kollenbach

Der Elitetipp erscheint monatlich auf orientierungslauf.de. In ihm werden verschiedene Leute über spezielle Themen im OL berichten, mit denen sie sich auskennen. Der Elitetipp soll dazu anregen, selbst darüber nachzudenken, was man alles besser machen könnte im OL. Hast Du Lust, auch über ein Thema zu schreiben, wo Du Dich auskennst? Oder willst du ein Thema vorschlagen, das mal behandelt werden sollte? Fragen, Anregungen, Kritik? Mail an ingo.horst@web.de!