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04. Juli 2023

JWOC-Sieg!

Bild02
Anselm strahlt mit der Goldmedaille um die Wette.
Foto: Anne Kästner
Anselm strahlt mit der Goldmedaille um die Wette.
Foto: Anne Kästner

Gestern war es noch eine Frage: Oder… vielleicht Anselm? … … !!!!!!!!!!!!!!!
Zurücklehnen, genießen, du hast es geschafft, Anselm!

Aber von vorn. Als einer der frühen Starter lief Noel Braun. Der Schwede hatte im letzten Jahr die Langdistanz gewonnen, auf der Mitteldistanz lange geführt, bis er kurz vor dem Ziel den SIAC verlor. Amtierender Juniorenweltmeister bis zu diesem Tag, Axel Elmblad, ein Schwede. Noel Braun schickte sich an, seine Nachfolge anzutreten, auch wenn er im Wald wohl noch stärker ist. Er kam mit einer Bestzeit ins Ziel, 16:42 Minuten. Mit Oscar Brom Jensen setzte kurz später ein Däne die nächste Bestmarke, der im Vorfeld als Geheimfavorit gelten durfte – 23 Sekunden vor Braun. Eine Viertelstunde später lief der Tscheche Jakub Chaloupsky; Vielleicht nicht Topfavorit für den Sprint, wie Braun eher für die nächsten Tage favorisiert. Mit 16:07 Minuten setzte er eine Zeit, an der sich die Konkurrenz abarbeitete. Es wurde eng und mit laufendem Rennfortschritt wurde es immer enger. Die Zeiten sammelten sich hinter Chaloupsky an, fünf Sekunden, sieben Sekunden, acht Sekunden zu den nächsten Plätzen. Guilhem Verove aus Frankreich war es eine Dreiviertelstunde später, der die Zeit schlug. 15:55 Minuten, die erste Zeit unter 16 Minuten. War er überhaupt noch zu schlagen?
Als 128. Starter ging Anselm kurz nach ihm ins Rennen. Er war gut vorbereitet. Wusste, wo Start und Ziel lagen, wie die Streckenanlage ungefähr aussehen würde. Seit bereits vier, fünf Jahren schwebte der Traum von einer Top6-Platzierung als Motivation vor ihm. Die Ergebnisse im vergangenen Jahr bestätigten ihn, das Ziel wurde konkreter und gleichzeitig die Anforderung an sich selbst größer: Wenn er Top6 erreichte, würde er sich ärgern, weil das Potential zu einer Medaille da gewesen wäre. Gewänne er eine Medaille, wäre Gold nicht auch möglich gewesen? Dass er es läuferisch drauf hatte, wusste er. Wenn er dem Druck standhielt und technisch alles zusammenpasste, denn, wie er hinterher sagte, technisch sei er wohl der „Schlechteste“ derer, die in diesem Jahr in die Top6 gelaufen sind. Am Wettkampftag fühlte er sich nicht in Topverfassung. Die Beine waren beim Einlaufen etwas schwer, zugleich blieb ein wenig Restunsicherheit, weil der Hals vergangene Woche gekratzt hatte und er im Frühjahr schon eine Coronainfektion zu überstehen gehabt hatte. Mit einem klaren Plan ging Anselm ins Rennen: Schnell entscheiden und das Tempo halten. Zu Beginn verlor er Zeit, lag am ersten Funkposten an Posten 9 gar 26 Sekunden zurück. Er entschied die Routen schnell, lag aber beispielsweise zu Posten 4 falsch mit der Entscheidung, übersah Durchgänge. Den entscheidenden Unterschied im Rennen, dem auch die Livekommentatoren seinen Sieg zuschrieben, machte die lange Verbindung zu Posten 14. Durchaus bewusst entschied Anselm sich für die einfache Route und zündete den Turbo. Ein Faktor dabei war auch, dass er den vor ihm gestarteten Kanadier Isak Fransson auflief und diesen als zusätzliche Motivation nahm. Und ab diesem Zeitpunkt spielte er seine Stärke perfekt aus. Die Routenwahlen waren oft rechts-links-Entscheidungen. Es ging darum, schnell zu entscheiden und dieser Entscheidung so zu vertrauen, dass dabei das Tempo hochgehalten werden konnte. Die Beine wurden schwer, jetzt würde der mental stärkste gewinnen. An Posten 23 übernahm Anselm erstmalig die Führung und holte in den letzten 90 Sekunden des Rennens ganze acht Sekunden auf seinen direkten Konkurrenten heraus. Die Livekommentatoren im Ziel hatten ihn garnicht richtig auf der Rechnung, vielleicht, weil er vorher nicht als absoluter Topfavorit gehandelt wurde und zu Beginn Zeit verlor. Zum Zeitpunkt seines Zieleinlaufs besprachen sie gerade das Damenrennen. Gepäck suchen, ein Interview als Führender, es dauerte eine Weile, bis Anselm seinen Platz auf dem Leaderschair einnehmen konnte.
Die Konkurrenten nach ihm machten Fehler oder verloren auf den letzten Posten zu viel Zeit. Jurgen Joonas aus Estland reihte sich knapp geschlagen auf Platz 3 ein. Der junge, unglaublich laufschnelle Schweizer Mathieu Bührer lief auf Platz 4 ein, Sampo Senkalo (FIN) auf Platz 5. Der Spanier Gonzalo Ferrando lief unglaublich schnell, verlor zwischenzeitlich Zeit, konnte aber am Ende wieder viel aufholen. Er überlief aber Posten 19, auch das war eine Gefahr bei einem solch schnellen Finale, wenn Kopf und Beine müde waren. Auch Brage Takle (NOR) machte einen Fehler und fiel an Posten 14 hinter Anselm zurück. Und auch ein zweiter Schweizer, Pascal Schärer, konnte gegen Ende der Strecke nicht mehr mit Anselms Tempo mithalten. Im Ziel wartete Anselm auf die Konkurrenz, sicherlich angespannt, obwohl er innerlich auf das Szenario eingestellt war, dass er heute Juniorenweltmeister werden könnte. Während des Interviews mit den Kommentatoren noch hatte er zurückhaltend gewirkt. Erst als er im Siegerstuhl saß, die Augen schloss und den Kopf zurücklehnte, kam langsam die Gewissheit, dass er seinen großen Traum verwirklicht hatte.
Der persönliche Höhepunkt ist damit bereits am ersten Tag erreicht, der Druck für die nächsten Tage ist weg. Im Wald schätzt Anselm sich selbst als nicht ganz so stark, die Konkurrenz als umso stärker ein. Aber wer weiß schon, er sagt von sich selbst nicht gut mit Druck umgehen zu können, druckbefreit gelingen ihm vielleicht auch im Wald tolle Läufe.

Neben der Freude über das sensationelle Ergebnis durch Anselm sollen auch die anderen deutschen Ergebnisse ihre durchaus gerechtfertigte Beachtung finden.
Marek Pompe wurde mit 1:27 Minuten Rückstand 33. Damit lag er knapp außerhalb der anvisierten Top30. Mit seinem Lauf ist er ganz zufrieden, auch weil er sich nicht unbedingt als Sprinter sieht und so vor allem auf die Walddistanzen schaut. So hatte er auch keine allzu großen Erwartungen und wollte den Sprint so laufen, dass er mit sich und seiner O-Technik zufrieden ist. Nach seinem Lauf erzählte er, dass er beim Einlaufen auf die Uhr schaute, als Anselm gerade loslief, und ihm im Stillen viel Glück wünschte. Diese kleine Anekdote zeigt, wie gut der Teamzusammenhalt ist, der, um die Brücke zum JWOC-Sieg von Colin Kolbe vor fünf Jahren zu schlagen, damals wie heute einen Beitrag zu diesem Erfolg leistete. Ins Ziel lief Marek, als Anselm gerade sein Interview gab, mit dem Gedanken: „Geil, Anselm muss einen super Lauf gehabt haben!“
Konrad Stamer wurde mit 2:01 Minuten Rückstand 60. Nach langer Einschränkung durch eine Verletzung war physisch nicht mehr drin. Malte Borrmann unterlief, wie vielen seiner Konkurrenten, ein Fehlstempel, als er den drittletzten Posten überlief.
Beste deutsche Dame wurde Emma Caspari auf Platz 60 (+3:02). Auch sie zeigte sich nach ihrem Lauf zufrieden, technisch waren aber vorallem im Anfangsteil einige kleine Fehler zu verzeichnen, denn das Gelände war unübersichtlicher als es auf der Karte aussieht. Gegen Ende wurde sie von der später siebtplatzierten Schweizerin Henriette Radzikowski aufgelaufen, der sie eine Weile folgen konnte, auf den letzten Metern jedoch noch abreißen lassen musste.
Anne Kästner wurde 90. (+4:12), Lone Pompe landete auf Platz 105 (+4:57). Beide sind noch sehr jung und sollen für die eigene Entwicklung Erfahrung bei der JWOC sammeln.

Das Rennen der Damen war an der Spitze nicht so eng wie es bei den Herren ausging. Die Medaillen gingen an die drei großen Favoritinnen. Es gewann Rita Maramarosi aus Ungarn in 15:13 Minuten. Ihr Vorsprung auf die zweitplatzierte Pia Young Vik (NOR) betrug am Ende 24 Sekunden. Bei der EYOC vergangene Woche lief sie noch in ihrer eigenen Liga und auch hier sah es lange so aus, doch die spätgestartete Vik hätte ihr die Goldmedaille streitig machen können. Entscheidend wurde schließlich die schlecht gewählte Route der Norwegerin zu Posten 15. Die Bronzemedaille ging an Eeva Liina Ojanaho (FIN), eine Medaille also über die Sprintdistanz, auf der sie wohl am wenigsten favorisiert war.

Weiter geht es morgen Nachmittag mit der Sprintstaffel im Nachbargelände des heutigen Wettkampfes. Das deutsche Team wird in der Besetzung Emma Caspari – Anselm Reichenbach – Marek Pompe – Anne Kästner an den Start gehen. Einen Sieg erwartet niemand von dem Team, es wird trotzdem viel Spaß machen, ihnen im Wettkampf zuzuschauen.

 

Ergebnis:

Damen
1. Rita Maramarosi (HUN) 15:13 Minuten
2. Pia Young Vik (NOR) +0:24
3. Eeva Liina Ojanaho (FIN) +0:37
60. Emma Caspari +3:02
90. Anne Kästner +4:12
105. Lone Pompe +4:57

Herren
1. Anselm Reichenbach (GER) 15:47
2. Guilhem Verove (FRA) +0:08
3. Jurgen Joonas (EST) +0:09
33. Marek Pompe +1:27
63. Konrad Stamer +2:01
MP Malte Borrmann

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Die Freude ist ihm bei der Siegerehrung anzusehen.
Foto: Anne Kästner
Die Freude ist ihm bei der Siegerehrung anzusehen.
Foto: Anne Kästner
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Im Leaderschair wartet Anselm auf die Konkurrenten.
Foto: Anne Kästner
Im Leaderschair wartet Anselm auf die Konkurrenten.
Foto: Anne Kästner
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Auch der Rest vom Team gehört zum Sieg.
Foto: Anne Kästner
Auch der Rest vom Team gehört zum Sieg.
Foto: Anne Kästner
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Anselm im Zieleinlauf
Foto: IOF/Camilla Bevensee
Anselm im Zieleinlauf
Foto: IOF/Camilla Bevensee
WJOC 2023 Sprint M20 WJOC 2023 Sprint M20

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Leon Kollenbach
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