04. Juli 2023
Platz 9 in der Sprintstaffel
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Erst zum zweiten Mal findet in diesem Jahr eine Sprintstaffel im Rahmen der JWOC statt. Letztes Jahr noch wurde sie außerplanmäßig und kurzfristig wegen der verschobenen Walddistanzen organisiert, von diesem Jahr an ist sie regulär im Programm der JWOC zu finden und ersetzt von nun an die Mitteldistanzqualifikation. Die deutsche Delegation stellte ein schlagkräftiges Team um den frischgebackenen Sprint-Weltmeister Anselm Reichenbach auf.
Gewohnt euphorisch begrüßte das Kommentatorenteam die Athletinnen und Athleten in der Arena, sowie die Zuschauer und Zuschauerinnen daheim und vor Ort. Pünktlich um 16:30 Uhr fiel der Startschuss. Die Arena war dieselbe, das Gelände lag direkt auf der anderen Straßenseite zum gestrigen. Entsprechend unterschied es sich auch charakterlich nicht deutlich, auch wenn die Ausrichter sich einige nette Schwierigkeiten hatten einfallen lassen. Die ersten Posten ging es durch hohe Gebäudekomplexe und eine kleine Parkanlage. Einige Wohnblöcke und Hinterhöfe sorgten für Abwechslung, bevor es auch schon wieder zur Sichtstrecke an der Arena vorbeiging. Wer gut vorbereitet war, hatte auf der Schlussrunde einen großen Vorteil: Die Strecke führte am Rande eines Heckenlabyrinths entlang, das im Vorhinein mit Google Maps gut vorbereitet werden konnte. Auf recht kurzen Strecken – die Laufbestzeiten der Damen lagen sogar unter 12 Minuten – ging es dann schon wieder zum Wechsel und Ziel. Trotz der Kürze waren die Strecken durchaus fordernd, die Routenwahlen auch durch das Gabelungssystem komplexer als im Einzelsprint. Kontrovers kann man das Gabelungssystem selbst betrachten, denn die Gabelungen waren längenmäßig oft sehr ungleich. So entschied es wohl am Ende sogar die Staffel, dass der viertletzte Posten der Damen auf solche Art gegabelt war. Es ist wohl klar, dass es wesentlich einfacher ist, einen gabelungsbedingten Rückstand von der ersten Strecke wieder aufzulaufen, als den gewonnenen Vorsprung bis zur letzten Strecke zu halten.
Die Startstrecke für das deutsche Team lief Emma Caspari. Vorallem läuferisch konnte sie sich in den letzten Jahren deutlich nach vorne entwickeln und lieferte die Staffel in hervorragender Position ab. Am Anfang passierten ihr wie auch gestern schon ein paar kleine Fehler, wohl auch dadurch bedingt, dass es den Konkurrentinnen um sie herum ähnlich erging. Auch durch die vielen kleinen Schlenker der Anderen konnte sie ihre Position in der Verfolgergruppe verteidigen. Am Wechsel lag sie am Ende dieser fünfzehnköpfigen Verfolgergruppe auf Platz 20, 1:04 Minuten hinter der Spitze.
Dort setzte sich früh schon die Ungarin Viktoria Mag zusammen mit der Neuseeländerin Penelope Salmon ab. Salmon gewann die Startstrecke letztlich, wurde aber mit einem Fehlstempel gewertet – ein Drama, auf das später genauer eingegangen wird. In ihrer Verfolgung lagen mit Anna Karlova (CZE) und Salla Isoherranen (FIN) zwei Staffeln, die in keinem Favoritentipp gefehlt haben werden. Mit ihnen lief die Schweizerin Henriette Radzikowski, allerdings für das nominell etwas schwächere Team Schweiz 2, während ihre Mannschaftskollegin schon 1:39 Minuten verlor, sodass die Schweiz sich schon früh aus der Medaillenvergabe verabschieden musste.
Platz 20 am Start, das hieß für Anselm Reichenbach auf Position zwei für das deutsche Team, dass er eine lange Schlange an Konkurrenten direkt vor sich hatte und mit wenig Orientierungsaufwand mit ihnen mitlaufen konnte. So arbeitete er sich bis zur Arenapassage an seinen Konkurrenten vorbei bis an die Spitze vor. Und direkt nach der Arenapassage unterlief ihm ein Fehler, der wohl 20-30 Sekunden kostete. Gemeinsam mit dem Ungarn Tamas Felfoldi und dem Franzosen Mathias Barros Vallet wählte er eine deutlich langsamere Route, und lief am Ende der Route sogar erst noch zum falschen Gabelposten. Entsprechend hatte er wieder etwas Rückstand, arbeitete sich erneut an der Schlange der Konkurrenten vorbei und übergab am Ende in der großen Gruppe mit 8 Sekunden Rückstand auf Platz 7. Und trotz des Fehlers lief Anselm die zweitbeste Herrenzeit am heutigen Tage. Nur der gestrige Zweitplatzierte, Guilhem Verove, konnte ihn um 2 Sekunden schlagen.
Um Anselm herum waren fast alle Teams, denen vorher Siegchancen eingeräumt werden durften, noch dabei. Norwegen, Finnland und Schweden mit beiden Teams, darüberhinaus Frankreich und Ungarn, sowie Neuseeland, Großbritannien und Tschechien.
Auf Strecke drei lief Marek Pompe, und er entpuppte sich am heutigen Tage als echtes „Staffelbiest“. Dass er es im Wald kann bewies er bereits im letzten Jahr, heute hielt er auch im Sprint mit den Besten mit, womit vielleicht nicht alle gerechnet hatten. In der Gruppe der Führenden konnte er sich super behaupten, erst gegen Ende seiner Strecke musste er Aarni Ronkainen (FIN) und Guilhem Verove (FRA) „ziehen“ lassen. Auf Platz 6 mit 12 Sekunden Rückstand zum führenden Finnen übergab Marek und ließ dabei auch so klangvolle Namen wie Brage Takle für Norwegen 1 hinter sich. Distanziert wurden auf dieser Strecke lediglich die Teams aus Großbritannien und Ungarn. Aber letztere hatten ja noch einen Trumpf im Ärmel.
Es erwies sich als sehr undankbare Aufgabe für die junge Anne Kästner, die Schlussstrecke in diesem erlesenen Feld in Angriff zu nehmen, denn von außen betrachtet konnte sie nur verlieren. Sie verlor Zeit auf ihre bis zu drei Jahre älteren Konkurrentinnen, zeigte aber eine technisch solide Leistung und schöpfte ihr Laufvermögen aus, sodass sie nicht den verlorenen Plätzen hinterhertrauern sollte. Das Team kann sich insgesamt über eine tolle Teamleistung und einen absolut verdienten Platz 9 in der bereinigten Staffelwertung freuen – so gut wie wohl noch keine deutsche Sprintstaffel vorher war. Und zum Team gehörten auch Malte Borrmann und Lone Pompe, die in einem unvollständigen Mixed-Team starteten und in einem großen Starterfeld auf schönen Bahnen ihren Spaß hatten.
Die Konkurrenz, gegen die Anne auf der Schlussstrecke antrat, ist an Klasse bei dieser JWOC nicht zu überbieten. Mit Rita Maramarosi (HUN), Pia Young Vik (NOR) und Eeva Liina Ojanaho (FIN) starteten die drei gestrigen Medaillengewinnerinnen mit ihr, auch die anderen direkten Konkurrentinnen waren fast alle in die Top30 gelaufen. Von den ersten Metern an machte die Ungarin Rita Maramarosi ernst. Sie lag am Start zwar 30 Sekunden hinter der Spitze, was sie aber nicht daran hinderte, den Rückstand bis zum ersten Fernsehposten an Posten 5 zu egalisieren. Einzige Konkurrentin, die mit ihr mithalten konnte, war eine Norwegerin. Nicht aber Pia Young Vik, diese ließ Maramarosi stehen, sondern ihre Teamkollegin Ingeborg Rygg Eikeland für das Team Norwegen 2. Und hier entpuppten sich die Gabelungen auf der Schlussrunde nach der Arenapassage als entscheidend. Maramarosi hatte die kürzere Gabelung, sodass Eikeland ins Hintertreffen geriet. Vermutlich in dem verzweifelten Versuch den Rückstand wieder aufzuholen überlief sie den Posten am Labyrinth, kam so zwar als erste ins Ziel, musste aber disqualifiziert werden. Die überragende Qualität der ungarischen Damen entschied also letztlich das Rennen für ihr Team und sie konnten sich nach gestern erneut über Gold freuen. Ihnen glückte damit auch die Revanche für das vergangene Jahr, als sie hinter Norwegen Silber gewannen. Die diesmal geschlagene Pia Young Vik lief das norwegische Team auf den Silberrang, über Bronze freute sich Finnland mit Eeva Liina Ojanaho. Das Tableau der Damen von gestern ist das Tableau von heute. Der vierte Platz ging etwas überraschend an Frankreich, Alix Villar konnte sich gegen ihre tschechischen und schwedischen Konkurrentinnen durchsetzen.
Das Endergebnis der Sprintstaffel jenseits der ersten drei Plätze war lange unklar. Das lag zum einen daran, dass die Liveergebnisse just während der letzten Strecke ausfielen, andererseits aber auch an einem Protest der Neuseeländer. Diese waren auf Platz 5 eingelaufen, ein grandioser Erfolg für die kleine Pazifiknation. Allerdings, wie schon zuvor geschrieben, Startläuferin Penelope Salmon wurde wegen eines Fehlstempels disqualifiziert. Am Einlass zur Quarantäne hatte sie ihren SI-Chip kurzzeitig an den Ausrichter abgeben müssen – die genauen Gründe sind an dieser Stelle nicht bekannt, weshalb kein Urteil gefällt werden soll – als sie ihn wiederbekam, war die Touchless-Funktion ausgeschaltet, was sie aber nicht realisierte. Wohl durch den Trubel in der Startphase bemerkte sie es erst nach einigen Posten, fortan konnte man sie im Fernsehbild manuell stempeln sehen. Der Fehlstempel aber war zu diesem Zeitpunkt schon passiert und das gute Ergebnis durch unglückliche Umstände damit auch nicht offiziell.
Bereits ab 9:00 Uhr Ortszeit geht es am morgigen Tag weiter mit der Mitteldistanz. Auch dort können anspruchsvolle Strecken und spannende Entscheidungen erwartet werden, einschalten lohnt sich also. Das ein oder andere tolle Ergebnis von deutscher Seite ist sicherlich auch mit dabei.
Ergebnis:
1. HUN (V. Mag, T. Felfoldi, M. Csoboth, R. Maramarosi) 49:44 Minuten
2. NOR (K. Melby Jacobsen, I. Dalsaune Thun, B. Takle, P. Young Vik) +0:13
3. FIN (S. Isoherranen, S. Sankelo, A. Ronkainen, E. L. Ojanaho) +0:27
9. GER (Emma Caspari, Anselm Reichenbach, Marek Pompe, Anne Kästner) +2:45
