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15. Juli 2022

Elitetipp im Juli: Eine kurze Einführung zum Orientieren in skandinavischem Gelände

Wer vorne in der Weltspitze mitlaufen will, muss schnell und sicher in skandinavischem Gelände orientieren können.

Wer OL richtig genießen will, für den gibt es nichts schöneres als an einem dieser endlosen Sommerabende in der tiefstehenden Abendsonne einen Posten inmitten von Blaubeeren an einem kleinen Sumpf oder einem stillen See zu stempeln.

Welche O-Techniken muss man nutzen?

 

Wege und Pfade

Als erstes fällt auf, dass es auf den Karten kaum Wege gibt. Wer in Deutschland OL gelernt hat, dessen Blick sucht immer erstmal die Wege, Pfade und Schneisen, um dann damit einen Weg zum nächsten Posten zu konstruieren.

Wo man laufen muss, um vorwärtszukommen ist auch in Skandinavien mehr oder weniger klar erkennbar, nur sind diese „Wege“ nicht mit fetten schwarzen Linien auf der Karte eingezeichnet, sondern verstecken sich „unsichtbar“ in der Karte. Im unten stehen Beispiel zuerst die Karte und danach sind die die „nicht eingezeichneten Wege“ in violett markiert:

Die „Wege“ sind also:

  • Entlang von Sümpfen und Seen
  • durch Mulden
  • unterhalb von großen Felswänden
  • (in stärker kupiertem Gelände auch auf den Höhen)
  • Entlang von Kahlschlägen

Hier sind oft sogar Trampelpfade oder Tierpfade vorhanden, so dass man viel schneller vorwärts kommt als ein paar Meter daneben. Außerdem folgen sie den natürlichen Geländestrukturen, so dass es viel weniger „auf und ab“ ist als im oft felsigen Untergrund der kleinen Hänge. Aber Achtung! Sie enden oft plötzlich und unbemerkt und es besteht eine große Gefahr, dass man von dort falsch weiterläuft!

 

Leitlinien

Diese Linien im oberen Abschnitt habe ich bewusst „Wege“ genannt um hier mal zu betonen, dass man dort so gut rennen und auch sehr einfach orientieren kann- fast so wie bei uns auf einem Pfad, wo man ja auch automatisch drauf läuft wenn man nicht absichtlich abbiegt.

Im Gegensatz dazu begrenzen meine „Leitlinien“ in Skandinavien die Korridore, in denen man zwischen den Posten laufen muss, wenn sich keine versteckten Wege anbieten:

Diesen Korridoren kann man ebenfalls recht einfach folgen, denn man würde schnell merken, wenn man sie verlässt (z.B. in den Sumpf kommt…). Innerhalb dieser Korridore sollte man dort laufen, wo man schnell vorwärtskommt, vergleichbar mit einem Querlauf in Deutschland, wo man eher nur die Richtung halten will.

In Skandinavien gilt eine Bahn als leicht, wenn die Korridore klar erkennbar sind, das heißt schon ab der Klasse DH14 werden die „echten“ Pfade verlassen. Wichtig zusätzlich: Seine grobe Kompassrichtung sollte man immer wieder kontrollieren!

 

Attackpoint/ Absprungpunkt

In Skandinavien ist schon die Suche nach dem Attackpoint („Absprungpunkt“; letzter „sicherer“ Punkt, von dem aus man den Posten anläuft) oft viel schwieriger als bei uns, weil es viele ähnliche Geländestrukturen gibt. Von unten leicht sind Felsen oder der Beginn von Tälchen und Mulden und natürlich deutliche Punktobjekte. Wenn man von oben kommt wird es normalerweise leichter, wenn man den höchsten Punkt als Attackpoint wählen kann. Aber auch hier braucht man möglichst ein Punktobjekt, weil die Geländestrukturen oft unübersichtlich sind. In richtig komplexem Gelände „springt“ man schon weit vor dem Posten von Attackpoint zu Attackpoint, vor allem um sicherzugehen, dass man am Ende am richtigen Attackpoint rauskommt.

Da es der letzte sichere Punkt vor dem Posten ist, muss man wirklich hundert Prozent sicher sein, und daher muss der Punkt eben auch ganz eindeutig sein.

In der Karte oben symboilisiert der rote Pfeil die Anlaufrichtung und der violette Punkt einen möglichen Attackpoint

 

Feinorientierung und Postenraum vereinfachen

…ist natürlich richtig wichtig, um dann den Posten zu finden. In Deutschland würde man oft im Zweifelsfall am Attackpoint  den Kompass anlegen und dann wird der Posten schon auftauchen.

Nach dem Attackpoint sauber den Posten finden? Das geht in Skandinavien nur, wenn man sich vorher anhand der Karte ein vereinfachtes Bild vom Gelände machen kann. Auch hier helfen wieder deutliche Punktobjekte, der Kompass und natürlich „Kopf hoch“! Die Posten sind nicht immer weit sichtbar:

In rot eingezeichnet auf welche Strukturen es ab dem Attackpoint ankommt… oder so ähnlich.

 

Zusammenfassung:

Orientieren in Skandinavien heißt nicht, einfach jedes Objekt auf der Karte mitzulesen. Wer weiß, auf was er achten muss, der findet Wege und Korridore, um dem Posten schnell näher zu kommen  und ihn dann zu finden.

Natürlich braucht es in Skandinavien sehr viel Übung, diese Linien im Wettkampf zu sehen, richtig zu interpretieren… und im Gelände nicht wieder zu verlieren! Aber mit recht wenigen Kartendetails kann man recht weit kommen.

In diesem Sinne: Höhen verstehen, Kompass benutzen, Kopf hoch... und genießen!

alle Kartenausschnitte: Mela, Tjalve Orienteringsklubb

Autor: Ingo Horst

Der Elitetipp erscheint monatlich auf orientierungslauf.de. In ihm werden verschiedene Leute über spezielle Themen im OL berichten, mit denen sie sich auskennen. Der Elitetipp soll dazu anregen, selbst darüber nachzudenken, was man alles besser machen könnte im OL. Hast Du Lust, auch über ein Thema zu schreiben, wo Du Dich auskennst? Oder willst du ein Thema vorschlagen, das mal behandelt werden sollte? Fragen, Anregungen, Kritik? Mail an ingo.horst@web.de!