17. Juli 2023
WOC Staffel
Die Staffelentscheidung zum Abschluss der WM geriet zur Hitzeschlacht. Nach anstrengenden Titelkämpfen setzte zusätzliche Erschöpfung früh ein. Die deutschen Teams konnten Platz 11 bei den Herren und Platz 15 bei den Damen erlaufen. Bei den Damen gewannen die Schwedinnen in überlegener Manier. Den Schweizer Herren gelang ein weiterer, umjubelter Heimsieg.
Ergebnis:
Herren
1. SUI (Daniel Hubmann, Joey Hadorn, Matthias Kyburz) 117:16 Minuten
2. FIN (Topi Syrjalainen, Olli Ojanaho, Miika Kirmula) +0:43
3. SWE (Albin Ridefelt, Gustav Bergman, Emil Svensk) +0:57
11. GER (Erik Döhler, Ole Hennseler, Bojan Blumenstein) +15:44
Damen
1. SWE (Hanna Lundberg, Sara Hagström, Tove Alexandersson) 107:26 Minuten
2. SUI (Elena Roos, Natalia Gemperle, Simona Aebersold) +4:28
3. NOR (Marianne Andersen, Marie Olaussen, Andrine Benjaminsen) +9:59
15. GER (Hanna Müller, Birte Friedrichs, Paula Starke) +34:09
Der ausführliche Bericht:
„Cool, dass wir Elfte werden, auch wenn es bei allen nicht optimal läuft!“ So reflektierte Ole Hennseler die Staffelleistung der Herren, die sich wohl in der Tendenz auch auf die Damen übertragen lässt.
Platz 11 der Herren ist ein ziemlich gutes Ergebnis. Dass das Team insgesamt nicht völlig zufrieden ist, weil mehr drin gewesen wäre, zeigt den gestiegenen Anspruch. Es lässt sich ähnlich auf die Damen übertragen: Platz 15 ist ein durchschnittliches Ergebnis, sie wollten sich an Platz 12 von vor zwei Jahren messen. „Brutal heiß, brutal steil und das Tempo am Anfang bergauf war für mich einfach ein bisschen zu krass für noch dabei denken und orientieren“ Auch diese Worte Oles hätten wohl von den anderen fünf auch stammen können.
Am besten kam wahrscheinlich Erik durchs Gelände, der hinterher den zufriedensten Eindruck machte. Er kam gut weg, lag am ersten Funkposten auf Platz drei. Dann hatte er die etwas langsamere Gabelungsvariante, sodass er zusammen mit unter anderem Norwegen und der Ukraine in der Verfolgergruppe lag. „Am Ende fehlte der Speed, um noch wie Norwegen ganz nach vorne zu kommen“, resümierte er. Er freute sich, nach zwei schlechten Läufen auf den Einzelstrecken einen versöhnlichen Abschluss in der Staffel gefunden zu haben. Und nur zwei Minuten Rückstand zur Spitze kann sich echt sehen lassen.
Der Beginn, als er noch frisch war, lief auch bei Ole technisch und läuferisch gut. Er kam mit den Gabelungen gut zurecht, nur einmal zögerte er, als ein anderer Läufer hinter ihm einen Posten stempelte. Er lief in einer Tram mit Gernot Ymsen. Auf der langen Routenwahl zu Posten 8 ging der Österreicher quer, was Ole platt machte, so dass er falsch den Hang hinunterlief und auf einer falschen Nase landete. Zwar merkte er schnell, dass die Kompassrichtung nicht stimmte, es dauerte trotzdem einige Sekunden, bis er sich korrigiert hatte. Von da an hing er zwischen zwei Gruppen und lief allein, war aber trotzdem noch etwa so schnell wie die Leute vor ihm, also trotz dessen: solider Job.
Bojan als Schlussläufer konnte schnell den Ukrainer und damit Platz 10 auflaufen. Als er dann aber die entscheidende Route zu Posten acht falsch wählte, kam der Ungar von hinten an ihn heran. Zwar konnte er auf der Downhill-Passage hin zur Arena wieder eine kleine Lücke reißen, doch als er den darauffolgenden Posten im Steilhang suchte – damit war er bei weitem nicht allein – konnte dieser sich an ihm vorbeischieben. „Platz 10 wäre schon schöner gewesen und war definitiv drin.“
Hanna konnte bei den Damen einen technisch recht soliden Lauf abliefern. Zwar suchte auch sie den Posten direkt nach der Arenapassage, kam ansonsten aber problemlos durch. Läuferisch ging schon nach etwa fünf Minuten Laufzeit nicht mehr viel. „Es war wohl doch etwas zu viel, mit allen Wettkämpfen, speziell mit der Hitze.“
„Ich wusste, dass ich physisch nicht mithalten kann und [wollte] daher zumindest einen sauberen Lauf zeigen.“ Es gelang der technisch sonst so sicheren Birte auf der Mittelposition nicht. Schon der Beginn wurde physisch so hart, dass sie nicht mehr klar denken konnte, etwas unsauber vom Weg runterlief, im Wald stand und nichts mehr richtig zuordnen konnte. Ähnlich erging es ihr auch zum zweiten und zum vierten Posten.
Die Aussagen aller ähneln sich stark: „Es war physisch unglaublich hart heute. Das Laufen fühlte sich durch die Hitze schrecklich an.“ So ging es sicherlich allen. „Dass ich fast die ganze Zeit alleine war, hat da nicht geholfen, aber ich denke ich habe zumindest einen akzeptablen Lauf hinbekommen.“ Nach einer Unsicherheit zum ersten Posten, durch welche sie die neuseeländische Schlussläuferin abschütteln konnte, kam Paula bis zur Arenapassage gut durch.
Nach vorne ging nichts mehr – zwei Minuten waren nur durch Fehler der anderen aufzuholen – nach hinten war der Abstand groß, auch dort drohte keine Gefahr. „[Nach der Arenapassage] konnte ich überhaupt nicht mehr denken und habe den nächsten Posten 10 Meter zu weit unten vermutet. Da ich zu direkt hochgelaufen bin, war ich mir aber nicht sicher, in welcher Richtung ich am ehesten suchen sollte und bin zunehmend verzweifelt noch mehrmals hin und her bis ich ihn dann endlich hatte.“
Platz 15 in der Endabrechnung ist kein so unterirdisches Ergebnis, wie es nach diesen Eindrücken klingt. Der eigene Anspruch und die Fähigkeit des Teams, ein besseres Ergebnis zu erreichen, hat sich in den letzten Jahren entwickelt, denn Platz 15 ist ein Ergebnis, wie es vor einigen Jahren nach guten Läufen erreicht wurde.
Vor allem zu Beginn ging es an der Spitze des Herrenrennens äußerst eng zu. Früh bildete sich eine Tram aus den Topnationen Schweiz, Schweden, Finnland, dazu liefen noch Jakob Steinthal aus Dänemark und der spätere Startstreckengewinner Rudolfs Zernis (LAT) äußerst stark. Als einziges Topteam nicht in der Spitzengruppe waren die Norweger, die durch eine längere Gabelung zu Beginn und eine Ungenauigkeit zu Posten fünf rund vierzig Sekunden Rückstand hinterherliefen.
Sukzessive holte Lukas Liland, der seine Karriere wegen des Studiums vorerst beenden wird, in der Folge diesen Rückstand aber wieder auf, vor der nächsten Routenwahl zu Posten 13 hatte er die Führendengruppe eingeholt. Erst in der Downhillpassage in Richtung Arena sprengte sich diese Gruppe etwas. Am besten kam Rudolfs Zernis über die kurze und steile Schlussrunde, so dass er mit vier Sekunden Vorsprung vor Norwegen übergab.
Dass die Führung der Letten nicht lange Bestand haben würde war abzusehen. Hinter Ilgvars Caune nämlich starteten viele der stärksten Läufer ihrer Staffeln – unter anderem die Medaillengewinner Kasper Fosser und Olli Ojanaho. Auch der starke Schweizer Joey Hadorn und Gustav Bergman starteten kurz nach ihm, sodass er schon an Posten eins auf Position fünf zurückgefallen war.
Bis zur langen Routenwahl zu Posten acht blieb die Gruppe zusammen. Dann wählten alle Läufer leicht unterschiedliche Routen und Joey Hadorn zog auf der Bergaufpassage davon. Die letztlich entscheidene Lücke entstand also, als der Schweizer seine Berglaufstärke ausspielte, mit der er in der Vergangenheit bereits Schweizer Berglaufmeister wurde. Er enteilte um mehr als eine Minute, während die drei Teams dahinter dicht zusammenblieben.
Erst durch eine kluge Routenwahl zu Posten 13 konnte Olli Ojanaho eine kleine Lücke zugunsten von Finnland schaffen – letztlich ebenfalls eine Vorentscheidung um die Silbermedaille. Ein Drama gab es für die um Platz sechs kämpfenden Dänen im Zieleinlauf. Marius Thrane Ödum erlitt einen Kollaps, er konnte noch wechseln, bevor er ins Krankenhaus nach Chur gebracht wurde. Wir wünschen ihm eine schnelle Genesung.
Auf der Schlussstrecke lag es also an Matthias Kyburz, den Sieg ins Ziel zu bringen. Fast zwei Minuten Vorsprung hatte er von Joey Hadorn mitbekommen, es sollte also nichts mehr anbrennen können für den Mitteldistanzchampion vom Samstag. Schon zu Beginn der Strecke fiel die Entscheidung um Platz drei: Während Eskil Kinneberg (NOR) eine Route durchs Gelände lief, wählte Emil Svensk (SWE) den Fahrweg und konnte sich von seinem Konkurrenten absetzen.
Rund zwanzig Sekunden davor lag Finnland auf Platz zwei, doch Svensk konnte nicht mehr entscheidend heranlaufen. Auch dieser Kampf schien entschieden, als Miika Kirmula (FIN) zu Posten 13 dieselbe Route wie sein Landsmann auf Strecke zwei wählte und weitere zwanzig Sekunden gutmachen konnte.
Es sollte aber noch einen Schweizer Schreckmoment geben: Wie schon einige andere Läuferinnen zuvor verfehlte Matthias Kyburz den Posten im steilen Hang nach der Arenapassage. Er korrigierte jedoch schnell genug, dass die Verfolger keinen Profit daraus schlagen konnten. Im Fahnenmeer der Zuschauer kürte er sein Team zum Weltmeister.
Der vierzigjährige Startläufer Daniel Hubman wurde so zum ältesten Orientierungslaufweltmeister aller Zeiten. Seine Aufgabe, wie das Team hinterher verriet, war gewesen, mit weniger als 90 Sekunden Rückstand auf die Spitze zu wechseln – Job well done.
Spannung im Kampf um den Sieg der Damen gab es genau bis Posten acht – der ersten Strecke. Dann nämlich konnte die soeben 21 Jahre alt gewordene Hanna Lundberg sich durch eine kluge Routenwahl um zwei Minuten von sämtlichen Konkurrentinnen absetzen. Sogar das Kommentatorenteam wähnte ihre Route zu weit rechts im Gelände, doch Lundberg bewies eindrucksvoll das Gegenteil.
Auf der Bergabpassage bis ins Ziel konnte Elena Roos zwar noch fast eine Minute gutmachen, in Gefahr konnte sie die Führung aber nicht mehr bringen. Und wie Lundberg im Interview sagte, nach ihr kamen die zwei besten OLerinnen der Gegenwart. Das ist vielleicht ein bisschen übertrieben, weil es die Schweizerin Simona Aebersold unterschlägt, an diesem Tage stimmte es jedoch.
Auch Elena Roos konnte sich von den weiteren Verfolgerinnen absetzen, die von Miia Niittynen (FIN) angeführt wurden. Kurz dahinter lag Marianne Andersen aus Norwegen, inzwischen bereits 43 Jahre jung – well in contention. Erneut beeindruckend ist auch Platz vier der Niederländerin Eef van Dongen.
Sara Hagström auf Strecke zwei ließ für Schweden wenig anbrennen. Zwar konnte Natalia Gemperle auf den ersten Posten Zeit gutmachen und lief durch eine gute Routenwahl sowie die günstigere Gabelung bis auf dreißig Sekunden bei Posten fünf an die Schwedin heran. Dann aber entschied sie die folgende Routenwahl falsch, während Hagström Lundbergs Route kopierte und den alten Abstand wiederherstellen konnte.
Im Ziel wies die 28-Jährige die Verantwortung für ihre gute Routenwahl unumwunden zurück – sie hatte beim Warm-Up vom Speaker gehört, dass die rechte Route Lundbergs einen großen Zeitvorsprung brachte. Als die Route ihr auch trotz möglicher Gabelposten sinnvoll erschien, nahm sie diese. Zweieinhalb Minuten vor Gemperle übergab sie am Ende. Auf Platz drei, um den zu dem Zeitpunkt Marie Olaussen (NOR) und Evely Kaasiku (EST) kämpften, hatte sie bereits 6:20 Minuten Vorsprung.
Als Schlussläuferin Tove Alexandersson das Rennen aufnahm, wusste eigentlich jede*r, dass die Sache gelaufen war. Für einen winzigen Augenblick vielleicht, als sie kleine Schlenker zu Posten eins und drei drehte, überlegte man, ob Simona Aebersold für die Schweiz doch noch einmal eine Chance bekommen würde, wenn die Schwedin zu hektisch würde. Aber Alexandersson verwehrte ihr diese Chance in klassischer Manier und baute ihren Vorsprung aus.
Vor allem auf den Downhill-Passagen wusste die nun 19-fache Weltmeisterin zu glänzen. Im Ziel waren es 4:28 Minuten Vorsprung. Am gleichen Tag also, als Daniel Hubmann zum ältesten Weltmeister wurde, kürte sich Hanna Lundberg zur jüngsten Weltmeisterin aller Zeiten.
Silber ging an die Schweiz mit Schlussläuferin Simona Aebersold. Nach vorne ging nichts, nach hinten war der Abstand ebenfalls beruhigend groß, und so brachte sie den Lauf ohne weitere Schwierigkeiten ins Ziel, wo sie sich mit ihren Teamkolleginnen ein letztes Mal vom Publikum feiern ließ. Für Startläuferin Elena Roos war es die letzte Weltmeisterschaft. Sie wird ihre Karriere nach dieser Saison beenden.
Mit rund einer Minute Vorsprung vor ihrer ärgsten Konkurrentin aus Finnland ging Andrine Benjaminsen (NOR) auf die Strecke. Ihre Aufgabe in Worten des Kommentatorenteams: „Defend third place and choose the right route to control 8“. Es war ein Ding der Unmöglichkeit nach vorn noch irgendetwas gutzumachen. Sie wählte die rechte Route, Venla Harju nicht, so freute sich Norwegen ungefährdet über Bronze.
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