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16. Juli 2024

WOC Sprintstaffel

Massenstart
Massenstart in der Sporthalle.
Foto: IOF / Kristina Lindgren
Massenstart in der Sporthalle.
Foto: IOF / Kristina Lindgren

Platz 13 – das ist das beste Ergebnis, das eine deutsche Sprintstaffel bisher bei einer WM erreicht hat! Entsprechend zufrieden zeigte sich das Team nach dem Wettkampf. Der Sieg ging in einem packenden Rennen an die Schweiz.

Die zweite Medaillenentscheidung dieser Weltmeisterschaften fand am Sonntagmittag am Campus der Heriot-Watt Universität von Edinburgh statt. Ein Wechsel von Campusgelände mit großen, oft verwinkelten Häuserblöcken, dazwischen kleine Wege und Durchgänge, sowie Parkanteilen prägte die Strecken. Für die Arena hatten sich die Veranstalter etwas besonderes ausgedacht: Neben Zieleinlauf und Wechsel war in der Sporthalle ein recht simples Labyrinth aufgebaut, welches auf den letzten Posten durchlaufen werden musste. Alles fair und übersichtlich, aber noch einmal eine Aufgabe für graugelaufene Köpfe zum Ende einer Sprintstaffelstrecke. Herzstück der Bahnen waren zwei lange Routenwahlen, die eine Vielzahl unterschiedlicher Routen zuließen und wohl wie geplant das Feld weit aufteilten. Dazwischen lagen die Gabelungssysteme, die das Geschehen für die Läufer*innen unübersichtlich machten. Viele kleinräumige Routenwahlen und Mikroroutenwahlen rundeten das Geschehen ab.

 

Die Startstrecke für das deutsche Team lief Hanna Müller. Das Ziel auf einer Sprintstaffelstartstrecke: Mit der Verfolgertram wiederkommen, nicht frühzeitig den Kontakt verlieren. „Ich war am Start zwar schon etwas nervös, aber doch recht zuversichtlich, denn ich bin dieses Jahr schon wirklich oft an verschiedensten Staffeln Start gelaufen!“, beschrieb Hanna ihre Gefühlslage. Der Startaugenblick begann mit einem kurzen Schreck, als sie die falsche Seite der Karte anschaute, dann lief es aber blendend. Als sie sich mit all den anderen Startläuferinnen durch die Hecken zu Posten 2 schlängelte, lag sie plötzlich in Front. Nur kurzzeitig zwar, trotzdem ist das sicherlich ein cooles Gefühl. Erst auf der zweiten langen Routenwahl musste sie physisch etwas abreißen lassen. Durch ein paar falsche Routenwahlen im Sekundenbereich lief es auch danach super und mit nur 46 Sekunden Rückstand konnte sie Felix Späth auf Platz 15 mitten in der großen Verfolgertram ins Rennen schicken.

Im internationalen Feld blieb die Spitze auf der Startstrecke dicht zusammen. Anders als bei der Sprintstaffel in Genua Anfang Juni schafften es die Favoritenteams aus Schweden und der Schweiz nicht, die Spitze zu sprengen und sich abzusetzen. Erst auf den letzten Posten – auch bedingt durch die Gabelung – gelang das fünf Läuferinnen. Einen wirklich starken Eindruck machte unter Grace Molloy für die Briten. Dass dieses schnelle Gelände aber auch seine Tücken hat, zeigte sich, als Molloy kurz vor der Arena in den vielen kleinen Hecken um den Parkplatz herum zum falschen Posten orientierte. Siegerin der Startstrecke wurde so die Niederländerin Eef van Dongen im Zielsprint gegen Molloy und die Schwedin Hanna Lundberg. Etwas überraschend musste dahinter Natalia Gemperle (SUI) um den Anschluss an die Spitze kämpfen. Die weiteren Favoritenteams folgten mit etwas mehr als zehn Sekunden Rückstand. Einzig Tschechien verlor etwa 40 Sekunden.

 

Auch Felix Späth gelang auf Strecke zwei ein richtig starker Lauf. Dass er ein phänomenaler Tramläufer ist, konnte er schon oft zu verschiedenen Anlässen beweisen – die WM 2021 kommt einem in den Sinn, auch bei der diesjährigen Jukola zeigte er das. Entsprechend motiviert war er. Felix erzählte: „Ich wollte auf jeden Fal den Anschluss nicht verlieren, also bin ich losgegast und ins Risiko gegangen!“ Zum zweiten Posten passierte ihm zwar gleich ein kleiner Fehler, als er falschherum um ein Haus lief und unnötige Extrameter machte. In der Folge konnte er sich aber wieder an die Tram heransaugen und übergab mit nur 1:14 Minuten Rückstand auf Platz 14. „Das kontrollierte Risiko hat sich also in dem Fall ausgezahlt!“

An der Spitze setzten sich mit Strecke zwei langsam aber sicher die Favoritenteams ab. Emil Svensk (SWE) und Riccardo Rancan (SUI) brauchten einige Zeit, bis sie eine Lücke reißen konnten, auf der Verbindung zu Posten 10 ging sie dann schließlich auf. Die beiden selbst trennten sich keinen Meter, die Führung wechselte quasi mit jedem Posten. Dahinter lagen die drei Teams aus Dänemark (Andres Bock Björnsen), Finnland (Miika Kirmula) und Großbritannien (Freddie Carcas). Der Brite, nominell wohl schwächster Läufer seines Teams, zeigte eine bärenstarke Leistung, blieb lange Zeit an der Spitze dran und konnte, als diese abriss, die Verfolgertram halten. Das Heimteam war also mitten drin im Kampf um die Medaillen. Gehörigen Rückstand erarbeitete sich das norwegische Team: Eirik Langedal Breivik bog auf dem Weg zu Posten 10 zu früh ab, stempelte Posten 11 und musste, als er es ein gutes Stück später merkte, wieder umdrehen – eine schwere Hypothek für die Medaillenkandidaten.

 

„Ich hatte vielleicht von der ganzen Mannschaft den mittelmäßigsten Lauf!“, fasste Anselm Reichenbach sein Rennen zusammen. Nur kurz hinter Italien und Spanien war er eigentlich an einer optimalen Position ins Rennen gegangen. Sein Plan: Ruhig starten, gut ins Rennen reinkommen und hintenraus Tempo machen. Das funktionierte nur kurz, denn schon kurz nach dem Start stürzte er und machte dabei die Karte so kaputt, dass einige Posten nichtmehr erkennbar waren, sodass er einfach blind den Konkurrenten hinterherlaufen musste. Zum Glück hatte er dieselben Gabelungen, sodass er nicht allzu viel Zeit verlor. Eine Minute auf die Spitze kostete es ihn trotzdem, ärgerlich außerdem, dass er Tim Robertson (NZL) und Ruslan Glibov (UKR) vorbeilassen musste.

An der Spitze blieb alles beim Alten. Joey Hadorn (SUI) und Martin Regborn (SWE) ließen sich kaum aus den Augen und den anderen schon gar nicht wegziehen. An Posten 10 sah es kurz so aus, als ob doch etwas passieren könnte, doch zwei schlechtere kleinräumige Routenwahlen machten zwischenzeitlich 6 Sekunden Vorsprung des Schweden aber wieder zunichte. Im Windschatten der beiden kam der insbesondere physisch so starke Finne Tuomas Heikkila immer näher. Der Abstand war schnell so gering, dass sie in seinem Sichtfeld blieben, und so konnte er Routen optimieren und sich Meter um Meter näher heransaugen. Im Ziel lag er nur noch drei Sekunden hinter Streckensieger Joey Hadorn. Mit etwa 20 Sekunden Rückstand in Lauerstellung lagen die Briten mit Ralph Street und Norwegen. Kasper Fosser hatte Konkurrent um Konkurrent eingesammelt und sein Team schon auf Position fünf vorgelaufen.

 

Es lag also an Birte Friedrichs, die Leistung der deutschen Staffel abzurunden und ins Ziel zu bringen. Das gelang ihr sehr gut. „Es war richtig cool auf der Schlussstrecke so früh und noch mit einer Tram heraus zu laufen!“, berichtete Birte von dem Erlebnis. Auf den ersten Posten konnte sie von den Konkurrentinnen profitieren und das etwas höhere Tempo mit ihnen mitgehen. Auf dem langen Schlag merkte sie, dass sie physisch etwas schwächer war und verlor den Anschluss etwas. Hinein spielte sicherlich auch noch ein Sonnenstich vom Freitag, von dem sie noch nicht zu 100% erholt war. Im Labyrinth kurz vor Schluss konnte sie aber noch eine Position gutmachen: Die Italienerin Maddalena de Biasi ereilte ein ähnliches Schicksal wie bei der EM im Vorjahr, als sie kurz vorm Ziel noch von Patricia Nieke abgefangen wurde. Diesmal vergaß sie den vorletzten Posten, musste noch einmal umdrehen und einige Meter zurück. Birte hatte den Fehler gesehen und kam, trotz nicht optimaler Routenwahl zum letzten Posten, an ihr vorbei. 4:26 Minuten hinter der Spitze, das ist ein so geringer Rückstand, der sich wirklich sehen lassen kann. Auch Platz 15 ist ein gutes Ergebnis, aber nicht ganz da, wo das deutsche Team hin will. Dass aus einem guten 15. Platz ein hervorragender 13. wurde, dafür muss sich das deutsche Team bei der Konkurrenz bedanken:

Denn an der Spitze wurde es dramatisch. Schweden, Schweiz und Finnland gingen fast gleichzeitig auf die Schlussstrecke. Wie beim Weltcup in Genua, und dort ging es nicht gut für Tove Alexandersson aus (SWE). Die Schwedin hätte sicherlich sowieso darauf gehofft, allein ihr Rennen bestreiten zu dürfen, diese Auseinandersetzung Frau gegen Frau kam eher Simona Aebersold (SUI) zugute. Und auch Venla Harju lag zu Beginn nicht weit hinter beiden. Der erste, vielleicht vorentscheidende Fehler Alexanderssons kam schon beim Ablauf auf die lange Routenwahl zu Posten 7. Alexandersson lief in eine Sackgasse, musste umdrehen und verlor fünf, vielleicht zehn Sekunden. Sie egalisierte die Lücke zu Aebersold schnell wieder, war aber kurz ins Hintertreffen geraten. Und auch, wenn Alexandersson wieder dran war, sie wirkte nicht voll in der Karte. Die Gabelung wenige Posten später entschied das Rennen. Im Fernsehen wurden beiden unterschiedliche Gabelungsvarianten zugeschrieben. Im Bild aber liefen sie gemeinsam. Alexandersson ließ den Gabelungsposten links liegen. Ihr Fehler oder der Fehler der Regie? Sie verpasste fast den nächsten Posten, lief zurück. Aufmerksame Beobachter*innen beschlich schon eine schlimme Vorahnung. Aebersold blieb unbeeindruckt vom Geschehen hinter sich. Alexandersson kam näher, doch Aebersold entschied die Staffel für ihr Team. Auf der Bronzeposition hielt sich Venla Harju für Finnland und verteidigte diesen sicher gegen Megan Carter Davies. Die Britin war aussichtsreich als vierte gestartet, doch sie schaffte es nicht, den Rückstand zu verringern. Schlimmer noch: An Posten 12 übersah sie einen Zaundurchlass, lief einen riesigen Umweg, der sie mehr als eine Minute kostete und auf Platz 8 zurückwarf. Aus der Traum von der Heimmedaille in der Staffel. Auf Platz 4 lief Norwegen ein. Und dann kam es, wie es kommen musste: Alexandersson hatte tatsächlich eine falsche Gabel gestempelt und fiel aus der Wertung. Silber für Finnland, Bronze für Norwegen nach einem starken Comeback. Tschechien kam auf Platz 4, Frankreich wurde 5. – für unsere Nachbarn das beste Ergebnis jemals. Und auf Platz 6 eine Versprechung an die Zukunft: Ungarn, das mit durchschnittlich gerademal 21 Jahren wohl jüngste Team am Start. Für Deutschland wurde es Platz 13, weil später auch Dänemark noch mit einem Fehlstempel aus der Wertung fiel.

 

Mit den Entscheidungen im KnockOut-Sprint finden die Weltmeisterschaften 2024 am heutigen Dienstag ihr Ende. Die Qualifikation startet um 10 Uhr deutscher Zeit, die Finalläufe werden ab 15:20 Uhr im Stream übertragen.

Ergebnis

1. Schweiz (N. Gemperle, R. Rancan, J. Hadorn, S. Aebersold) 58:43 Minuten
2. Finnland (M. Sianoja, M. Kirmula, T. Heikkila, V. Harju) +0:39
3. Norwegen (V. Haestad Bjoernstad, E. Langedal Breivik, K. Harlem Fosser, A. Benjaminsen) +1:03

13. Deutschland (H. Müller, F. Späth, A. Reichenbach, B. Friedrichs) +4:26

Hanna Müller Hanna Müller
Hanna Müller ist mitten drin im Geschehen.
Foto: IOF / Kristina Lindgren
Hanna Müller ist mitten drin im Geschehen.
Foto: IOF / Kristina Lindgren
Felix Späth Felix Späth
Mit Schwung um die Kurve - bei Felix ging es gut.
Foto: IOF / Kristina Lindgren
Mit Schwung um die Kurve - bei Felix ging es gut.
Foto: IOF / Kristina Lindgren
Anselm Reichenbach Anselm Reichenbach
Die Hecken machten es teils unübersichtlicher, als die Karte vermuten ließ.
Foto: IOF / Kristina Lindgren
Die Hecken machten es teils unübersichtlicher, als die Karte vermuten ließ.
Foto: IOF / Kristina Lindgren
Birte Friedrichs Birte Friedrichs
Birte Friedrichs brachte die Staffel auf Platz 13 ins Ziel.
Foto: IOF / Kristina Lindgren
Birte Friedrichs brachte die Staffel auf Platz 13 ins Ziel.
Foto: IOF / Kristina Lindgren
Rancan und Kameramann Rancan und Kameramann
Riccardo Rancan (SUI) wird vom Kameramann verfolgt.
Foto: IOF / Kristina Lindgren
Riccardo Rancan (SUI) wird vom Kameramann verfolgt.
Foto: IOF / Kristina Lindgren
Jubelnde Schweizer Jubelnde Schweizer
Jubelnde Schweizer*innen beim Überqueren der Ziellinie.
Foto: IOF / Kristina Lindgren
Jubelnde Schweizer*innen beim Überqueren der Ziellinie.
Foto: IOF / Kristina Lindgren
Flying Finn Flying Finn
Flying Finn: Venla Harju hebt vor Freude über Silber fast ab.
Foto: IOF / Kristina Lindgren
Flying Finn: Venla Harju hebt vor Freude über Silber fast ab.
Foto: IOF / Kristina Lindgren

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