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02. Februar 2021

Und ewig grüßt das Murmeltier: „Erfindungsgeschichten“ um den deutschen OL

Als uns in den frühen „Siebzigern“ der damalige OL-Redakteur Manfred Neitzel den Bären aufbinden wollte, der OL sei 1912 im Riesengebirge von einem gewissen Arne Leibusch erfunden worden, da haben wir alle gelacht und diesen mysteriösen Herrn Leibusch schnell als eine erfundene Figur der Sportpresse entlarvt, die immer dann zu Rate gezogen wird, wenn man über eine Entwicklung nicht so recht Bescheid weiß.

Wie war es dann aber nun wirklich, als der OL bei uns zu Lande „erfunden“ wurde?

Ist doch eine alte Jacke, die längst historisch genau auseinander klamüselt auf unserer OL-Seite steht, werdet ihr sagen. Und das sagte ich auch…. solange, bis ich in der Bibliothek meines schwedischen Freundes Lennart eine Karte mit OL-Bahn vom 1. Internationalen OL in der Bundesrepublik Deutschland fand, der 1961 irgendwo bei Witzenhausen stattgefunden habe und von Stockholms OK organisiert wurde.  

Kann doch nicht sein, dachte ich. Der erste OL in der BRD war doch 1958 in Arnsberg, organisiert ebenfalls von Stockholms OK.

Haben die Jungs von Stockholms OK tatsächlich innerhalb von weniger als drei Jahren zweimal den OL in der BRD „erfunden“? Kein Zweifel: Zwei Karten mit Bahnen und eingedruckten Daten liegen vor mir auf dem Schreibtisch, eine vom Arnsberger Wald und eine vom Kaufunger Wald, beide von Stockholms OK.

War die BRD damals tatsächlich ein natursportlich derart unterbelichtetes Land, in das man einfach mal so hinfahren konnte, um eine Sportart zu erfinden… und das noch mit dem gleichem Club und innerhalb weniger als drei Jahren?

Kann schon sein. Jedenfalls wird man das in Schweden gedacht haben, nachdem man die TV-Reportage von jenem versprengten Deutschen gesehen hatte, der mit seiner O-Ringen Startnummer weit entfernt vom Geschehen hilflos auf einem Bauerngehöft herumirrend aufgegriffen wurde. Dass die fiesen Wikinger dann den verstörten Tyska zu Kaffee und Kuchen einluden, um inzwischen schnell ein TV-Team zu holen, welches den armen Pillefuß mit seiner Startnummer am Kaffeetisch ablichtete, mag vielleicht die Initialzündung für die mannigfaltigen OL- Missionierungsgedanken in Richtung BRD gewesen sein.

Die DDR war damals diesbezüglich fein raus, denn man konnte ja kaum auf den Gedanken kommen, die Ostdeutschen als maßgebliche Gründungsmitglieder der IOF nachträglich noch besonders missionieren zu wollen. Aber vielleicht könnte das auch für die Mädels und Jungs aus Sachsen und Thüringen ziemlich dröge gewesen sein, von Anfang an sofort völlig normalen OL machen zu müssen. 

Wir im Westen erfreuten uns dagegen an immer neuen Missionsaktivitäten und Pioniertaten, wenn beispielsweise der alte OL- Guru Erwin Weber aus dem Saarland ein großes Messtischblatt von einem zu Urzeiten stattgefundenen Ski-OL-Länderkampfes zwischen Deutschland und Österreich auf der Zielwiese ausbreitete oder, wenn Klaus Müller von jener WM- Quali erzählte, bei der er einmal nach dreieinhalb Stunden völlig demoralisiert das Ziel erreichte, um dort zu erfahren, dass er der Erste sei. 

Wer weiß wieviel „OL- Gründungsveranstaltungen“ mit versprengten Erstlingen und wundersamen Resultaten es in diesen Jahren gegeben haben könnte. Man sollte vielleicht öfter mal in (nicht nur) Stockholmer Bibliotheken herumstöbern.

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