30. August 2025
Anselm Reichenbach mit sensationellem achtem Platz im EM-KO-Sprint
Foto:
Foto:
Unglaublich enge Rennen, von der Qualifikation bis ins Finale, prägten die Entscheidung im KO-Sprint. Anselm Reichenbach zeigte eine bärenstarke Leistung und wurde Achter. Europameister im KO-Sprint wurden die Französin Cecile Calandry und der Schwede August Mollén.
Ergebnis
Damen
1. Cecile Calandry (FRA) 8:07 Minuten
2. Pia Young Vik (NOR) +0:02
3. Simona Aebersold (SUI) +0:07
Herren
1. August Mollén (SWE) 7:42 Minuten
2. Jonatan Gustafsson (SWE) +0:02
3. Akseli Ruohola (FIN) +0:02
8. Anselm Reichenbach (3. HF)
Qualifikation
Eine unglaublich enge Qualifikation wurde erwartet, sie hielt, was sie versprach. Sechzehn Sekunden trennten Platz 1 und 12 im engsten der sechs Qualifikationsheats (je drei für Herren und Damen). Diese bildeten am Donnerstagnachmittag den Auftakt zu den Individualwettbewerben bei der diesjährigen EOC. Neben guten Beinen brauchte man also auch eine optimale Routenausführung – schon ein kleinster Fehler konnte einen aus dem Rennen kegeln – und bisweilen auch etwas Glück. Alles drei hatte Anselm Reichenbach in entsprechendem Maße, dass er sich als Neunter seines Heats mit zehn Sekunden Puffer qualifizieren konnte. Für weitere deutsche Finalteilnahmen reichte es leider nicht, Patricia Nieke kam dieser mit einem Abstand von 17 Sekunden auf die Qualifikationszeit am nächsten.
Mit mehr oder weniger schwerwiegenden Fehlern verpassten auch einige internationale Topläufer*innen den Sprung unter die besten 36, allen voran Andrine Benjaminsen (NOR), Jorgen Baklid (NOR) und Joey Hadorn (SUI), die bereits KnockOut-Medaillen gewinnen konnten und sicherlich zum erweiterten Favoritenkreis gehört hätten.
Viertelfinale
Die Finalläufe am Freitag fanden rund um den Markt in Geel statt, nur wenige hundert Meter vom Ziel der Qualifikation entfernt. Die zentralen Straßen und Plätze der Innenstadt mit vielen parallelen Hinterhöfen, Parks und Schulgelände prägten das Gelände der Finals mit ständigen Charakterwechseln des Geländes. Die Bahnen boten eine Vielzahl an Routenwahlen, manche kleinteilig, manche aber auch großräumig, und durch geschickte Sperren wurden auch vermeintlich einfache Straßen technisch anspruchsvoll – besonders bei hohem Tempo, wie auf dem Weg zum vorletzten Posten im Halbfinale deutlich wurde.
In seinem Viertelfinale lief Anselm ganz abgebrüht. Ihm war bewusst, dass er gegen seine Konkurrenten nichts ausrichten konnte, wenn er frühzeitig versuchte wegzukommen. Also ließ er zunächst andere die Führungsarbeit verrichten und die Routenwahlentscheidungen treffen. Mit ihm Heat war Kasper Fosser, der einige Male sein Glück in eigenen Routenwahlentscheidungen suchte, damit aber frühzeitig ins Hintertreffen geriet. Die letzte Routenwahl bot, sobald entschieden, Anforderungen ganz nach seinem Geschmack. Flach und gerade konnte Anselm seine Stärke ausspielen und sprintete als erster über die Ziellinie – mit Ansage. Sogar für die vorbereitete Jubelgeste blieb Zeit – das Halbfinal rief.
Schon im Viertelfinale gab es aber auch einige Überraschungen. Nicht etwa die, dass Topfavoritinnen wie Simona Aebersold (SUI) das Tempo von Beginn an hochzogen. Überraschend war beispielsweise, dass die erst sechzehnjährige Anni Jantunen (FIN) überraschend ins Halbfinale sprintete, oder die hochgehandelte Polin Alexandra Hornik jenes nicht erreichte. Überzeugend war auch die Vorstellung von Sanna Fast (SWE), die ihren Viertelfinalheat komplett auseinanderriss und die mit Abstand schnellste Zeit auf die Straßen von Geel zimmerte.
Auch die schwedischen Herren beeindruckten – mit sechs Herren stellten sie ein Drittel des Feldes, das ins Halbfinale einzog. Umjubelt bei den Belgiern war im letzten Herrenviertelfinal der Sieg von Yannick Michiels. Kurz zuvor hatte sich Guilhem Verove (FRA) mit einer Kraftleistung ins Halbfinale gebracht: Er entschied in Führung liegend die letzte Routenwahl, doch die gesamte Tram lief auf die andere, als besser eingeschätzte Route – und Verove überstand die Runde mit einer Kraftleistung trotzdem.
Halbfinale
Es würde nicht leichter werden im Halbfinale. Anselms Taktik war also dieselbe wie in der Runde zuvor: Kontrollieren, erst auf der letzten, langen Passage die Entscheidung suchen. In seinem Lauf waren mit Tuomas Heikkila (FIN) und Riccardo Rancan (SUI) zwei absolute Topfavoriten. Die erste gute Nachricht, allerdings nur hinsichtlich Anselms Weiterkommen, gab es bereits auf der Startlinie: Riccardo Rancan hatte sich im Viertelfinale an der Wade verletzt, der amtierende Weltmeister im KO-Sprint konnte im Halbfinale nicht mehr antreten. Wir wünschen gute Genesung! Die Führung im Halbfinale übernahm zunächst der Brite Freddie Carcas. Dann die nächste gute Nachricht: Tuomas Heikkila fiel auf dem Weg zu Posten 3 unvermittelt ab. Sofort erhöhte die Gruppe das Tempo, doch der Finne konnte sich zurückkämpfen. Auf dem Spielplatzgelände ab Posten 4 begannen die Positionskämpfe für die Entscheidung, in der Anselm zweimal eine unglückliche Entscheidung traf und an vierter Position in der Gruppe lag. Zwischen den Positionen zwei und drei ging plötzlich eine Lücke auf, ohne dass er etwas dagegen tun konnte. Dann aber verpasste Tuomas Heikkila in Führung liegend einen Eingang, plötzlich lag das Halbfinale greifbar nahe. Im Zielsprint kämpfte er sich Meter um Meter heran und scheiterte denkbar knapp. So steht Platz 8 zu Buche – ein sensationelles Ergebnis!
Die anderen Halbfinalläufe waren nicht weniger spannend. Besonders sehenswert: Das dritte Halbfinale der Herren um den Belgier Yannick Michiels. Wer Interesse bekommen hat in den Relive-Stream einzuschalten, diesen Lauf muss man sich ansehen. Alle sechs Läufer hatten kein Interesse abzuwarten, alle suchten sie selbst die Entscheidung und nutzten die Routenwahlen voll aus. Ein Aufschrei ging durch die Arena, als Yannick Michiels – durch die Unübersichtlichkeit der vielen Routen, die die Herren wählten, kurzzeitig schon vom Radar verschwunden – auf Position drei auf die Zielgerade einbog und sich nur knapp geschlagen geben musste.
Im zweiten Halbfinale der Herren liefen sie zunächst abwartender und starteten sogar fast Stehversuche, weniger dramatisch wurde es aber nicht. Im Zielsprint war der Schwede Isak von Krusenstierna zwischen den Konkurrenten eingebaut, dann sah er eine Lücke, wo keine war, und brachte den Finnen Akseli Ruohola an Position zwei zu Fall. Ruohola wurde nachträglich ins Finale vorversetzt, von Krusenstierna disqualifiziert, was dieser sportlich fair annahm. Seine Schuld am Unfall akzeptierte er bereits, als er Ruohola nach dem Sturz aufhalf.
Auch bei den Damen ging es hoch her: Im zweiten Halbfinale gingen alle sechs Damen gegeneinander in den Zielsprint, hier ohne dass es zu Behinderungen und Stürzen kam. Auch hier gab es einen Dämpfer für das Heimpublikum: Eef van Dongen, zwar Niederländerin, aber trotzdem Fanliebling in Belgien, verpasste das Finale äußerst knapp. Das dritte Halbfinale dagegen war Vorbild für den Fehler Heikkilas: Sanna Fast und Malin Agervig Kristiansson (DEN) hatten eine Lücke gerissen, liefen aber weit an dem Tor vorbei. Die junge Elli Punto (FIN) und Alva Sonesson (SWE) profitierten.
Finale
Es war also bereitet für die großen Finals. Tove Alexandersson und Matthias Kyburz traten als EM-Titelverteidiger in diesem Jahr nicht zur EM an, sodass neue Europameister*innen gekürt werden mussten.
Die große Favoritin bei den Damen, besonders nach dem Ausscheiden der schnellen Sanna Fast, war Simona Aebersold. Im Finale übernahm sie vom Start weg die Kontrolle über das Renngeschehen und führte die Gruppe durch den Anfangsteil. Das Feld blieb dran, lediglich Alva Sonesson probierte eine eigene Route und wurde sofort bestraft. Sie kam nicht mehr heran. Bis nach der Arenapassage blieben die anderen Damen beisammen. Zu Posten neun passierte die Vorentscheidung: Simona Aebersold übersah einen Zaun und zögerte kurz, Natalia Gemperle und Pia Young Vik folgten. Cecile Calandry aber sah ihre Chance und schwenkte auf eine andere Route ein, auf der ihr Elli Punto folgte. Die Finnin konnte das Tempo noch nicht hoch genug halten, doch Calandry riss eine fünfsekündige Lücke auf ihre Verfolgerinnen. Auf dem Weg zurück in die Arena versuchte Aebersold diese wieder zu schließen, doch die Französin war zu schnell: Eine überraschende Siegerin, die ihr Potential aber in diesem und den letzten Jahren bereits immer mal angedeutet hatte. Am Ende musste sich Aebersold sogar mit Bronze zufriedengeben, denn auch die junge Norwegerin Pia Young Vik zog noch an ihr vorbei.
Im Herrenfinal schien ein schwedischer Sieg fast ausgemacht, zu erdrückend die Übermacht der Schweden in diesem Lauf. Vier Schweden, unter ihnen ein Sprintweltmeister und zwei KO-WM-Medaillengewinner, wer sollte sie schlagen? Vom Start weg zeigte sich das gewohnte Bild: Martin Regborn übernahm als stärkster Einzelsprinter die Kontrolle, die anderen wussten, dass er im Zielspurt zu schlagen war und hielten sich vornehm zurück. Manch einer blickte im Startauslauf sogar zunächst die Konkurrenz an, bevor der Blick auf die Karte ging. Während Regborn führte, bereiteten die Konkurrenten die entscheidende Schlussphase des Finals vor. So kam es, wie es kommen musste: Das Tempo ging immer weiter hoch, zu Posten neun suchte August Mollén, der das gesamte Rennen in vorderer Position gelauert hatte, die Entscheidung mit einer eigenen Route und riss eine Lücke. Seinen Schlussspurt konnte niemand gefährden und so sicherte er sich mit einer Lücke von zwei Sekunden die Goldmedaille. Umso enger war der Kampf um Silber: Jonatan Gustafsson und Akseli Ruohola kämpften Schulter an Schulter bis zum letzten Meter. Am Ende setzte sich der Schwede im Fotofinish mit handgeschätzten drei Zentimetern durch.
Foto:
Foto:
Foto:
Foto:
Mehr:
Offizielles Ergebnis der KO-Finalrunden
Offizielles Ergebnis der KO-Qualifikation