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14. Mai 2020

Elitetipp im Mai: Memotraining

Der Begriff Memo-Training ist vielen bekannt. Aber jeder versteht darunter etwas anderes und entsprechend groß ist die Variationsbreite, wenn man Leute fragt, was sie denn für Memo-Training machen. „Ich lese während des Laufens Zeitung“ „ich schaue mir meine alten Wettkämpfe noch mal an“ sind einige der Antworten. Gemein ist wohl allen, dass unter Belastung mit dem Kopf gearbeitet wird. Das ist die allgemeinste Definition für Memos.

Natürlich gibt es verschiedene Qualitäten des Memo-Trainings. Die meisten bringen außer Konzentration nichts für den OL, aber es gibt Formen, die ich als unerlässlichen Ergänzung zu normalen OL-Trainings sehe. Denn es ist schwer, in einem normalen Trainingslauf zu Hause so gezielt einzelne Techniken zu trainieren, wie es mit gutem Memotraining möglich ist. Sozusagen die Standardsituationen des OL gezielt trainieren.

Ich möchte solch eine Art des Memo-Trainings, wie ich es einige Jahre lang mit meinem damaligen Trainer Peter Gehrmann durchgeführt habe genauer vorstellen und einige kurze Beispiele geben. 

Ein genaues Ziel

Das wichtigste für jede Memo-Einheit ist für mich die Frage nach dem Ziel. Was will ich mit dieser Einheit erreichen? Routenwahl? Schnelles Erkennen? Lage der Objekte zueinander? Sprint-OL? Massenstart? Postenraum? Danach richtet sich das Memo, das der Trainer vorbereitet oder die „Aufgabenstellung“, mit der die ich an die mitgebrachte OL- Karte herangehe. Nur mal so „Karte angucken“ ist dahingehend Zeitverschwendung.

Ort und Zeit

Memos kann man praktisch überall ins Training einbauen. Nach Intervallen oder auch während eines langen Dauerlaufes, während Rad- Ski- oder Zirkeltraining.                      

Vorbereitung

 Der Trainer bereitet einen Satz aus 4-10 einzelnen Aufgaben (= Kartenausschnitten) zum Thema vor. Wichtig ist, dass ich als Athlet die Aufgaben noch nicht kenne. Nur das Ziel der Einheit ist klar. Ich bekomme die Memos in einem verschlossenen Umschlag, nehme jeweils ein Kartenausschnitt heraus und löse ihn. 

Zeitdruck und Ermüdung 

Wichtig ist, dass die Aufgabe wie im Wettkampf unter Zeitdruck und unter Ermüdung erledigt wird. Es ist nicht schwer, sich auf einer Karte 30 verschieden Details zu merken. Wenn man aber nur 10 Sekunden Zeit hat und gerade das fünfte 1000m- Intervall hinter sich hat, muss man sich auf die wichtigen Sachen beschränken, denn mehr geht nicht in den Kopf. Wie im Wettkampf auch. Dieser Zeitdruck kann entweder durch die Uhr (10 Sekunden anschauen) oder durch eine Strecke (20m locker joggen) erzeugt werden. Danach einzeichnen

Für ganz wichtig halte ich, dass man danach auf einem extra Blatt aufzeichnet oder in der Karte einzeichnet, was man sich gemerkt hat. Was im Kopf nämlich so klar erscheint, ist es dann auf dem Papier gar nicht mehr! Plötzlich merkt man, dass man z.B. doch nicht mehr weiß, was eigentlich das Postenobjekt war.  Zwischen Memo lösen und Einzeichnen sollte eine gewisse Zeit vergehen, denn auch im Wettkampf müssen die Details eine Weile im Kopf gespeichert bleiben.

Auswertung durch den Trainer

Optimal ist es natürlich, wenn der Trainer danach die Memos auswertet und damit vergleicht, wie er sich das Ergebnis vorgestellt hat. Es ist oft gut, wenn man noch eine andere Perspektive sieht. Natürlich ist es auch eine Idee, im Verein Memos reihum zu geben und die Aufzeichnungen am Ende zu vergleichen. Auch wenn man allein ein Memo gemacht hat, muss man es am Ende unbedingt auswerten.

Einige Beispiele für Memo-Trainings

Routenwahlen: Um eine Routenwahlentscheidung treffen zu können, brauche ich – mit etwas Erfahrung- die Route nicht unbedingt zu laufen- die ideale Form für Memotraining! 

Sprint-OL: Es kommt drauf an, in kurzer Zeit Minirouten (links oder rechts ums Haus) und deren wichtigste Merkmale zu sehen. Kleine Skizzen am Ende zeigen, ob die Objekte im richtigen Winkel zueinander gesehen wurden.

Leitobjekte, Absprungpunkte, Auffanglinien: Was sind meine Leitlinien zum Posten? Was fängt mich auf? Einzeichnen! Besonders zur Vorbereitung auf skandinavisches Gelände eine gute Idee. 

Konzentration: eine richtige Hammer-Einheit: 2 alte Laufkarten (weil es eine mit so vielen Posten nicht gibt) mit insgesamt 40 Posten mitnehmen, dann 2*20*30 Sekunden Tempo mit 30 Sekunden Trabpause. In der Trabpause die Route kurz im Kopf rekapitulieren und die neue Route planen.

Vor wichtigen Wettkämpfen: In Schweden habe ich gute Erfahrungen damit gemacht, vor wichtigen Wettkämpfen „typische“ Übergänge für das Gelände als Memotraining zu machen. Das bringt Selbstvertrauen und man bekommt eine gute Sicht für typische Details auch in ungewohnten Geländen. Man kann auch Karten von Freunden, die dort gelaufen sind, mitnehmen und dann tatsächlich gelaufene und gedachte Routen zu vergleichen.

Natürlich sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Als Beispiel für die lustigste Idee für ein Memotraining, das Peter und ich ausgeheckt haben: Vor dem Weltcup mit Massenstart in Idre 2002 haben wir uns überlegt, dass wir trainieren müssten, wie man schnell erkennt, welche Tram die beste Route laufen wird. Also sah das Memo-Training dazu so aus, dass ich einen Postenübergang mit einer Routenwahl dazwischen hatte. Vom Startposten gehen drei oder vier Pfeile in unterschiedliche Richtung. Welcher Tram würde ich nachlaufen?

 

Bild 1: „Nachlauf“-Training: Beim Auswerten festgestellt, dass wohl doch die rechte Tram besser wäre... was die mittlere Tram macht bleibt Peters Geheimnis.

Bild 2: Sprint-OL als Karte

Bild 3: und so wird der Übergang vom Läufer erkannt. Reichen die Details, um die Posten zu finden?

 

Autor: Ingo Horst, (Erstveröffentlichung 2003)

Der Elitetipp erscheint monatlich auf o-sport.de. In ihm werden verschiedene Leute über spezielle Themen im OL berichten, mit denen sie sich auskennen. Der Elitetipp soll dazu anregen, selbst darüber nachzudenken, was man alles besser machen könnte im OL.

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